Spirituelle Bücher oder Filme?

Finden Sie hier:

DruckenE-Mail

Dieser Augenblick ist das Tor

Von Gangaji

„Wenn wir uns der immanenten Wahrheit von der Sterblichkeit des Körpers hingeben, dann dient das dazu, uns tiefer in das hineinzustoßen, was in diesem Augenblick hier ist. Dieser Augenblick ist das Tor zur Wahrheit des Allgegenwärtigen Seins.“
Gangaji
Was wir am meisten fürchten, ist das Ende der körperlichen Form und die meisten Menschen verbringen ihr Leben mit Strategien, wie dieses Ende vermieden werden kann. So lange Du Deine Hoffnung daran hängst, den Bestand des Körpers verlängern zu können, hoffst Du auf eine Rettung vor dem Ende. Im Warten auf diese Rettung übersiehst Du aber die ewige, offene Grotte Deines Herzens. Du übersiehst die strahlende Stille des Seins, von wo alle Klarheit, alle Weisheit, alle Seligkeit, aller Friede und alle Ewigkeit von Natur aus offenbar sind.
Es ist gut, dass die körperliche Form ein Ende hat. Wenn wir uns der immanenten Wahrheit von der Sterblichkeit des Körpers hingeben, dann dient das dazu, uns tiefer hineinzustossen in das Jetzt, diesen Augenblick. Dieser Augenblick ist das Tor zur Wahrheit des allgegenwärtigen Seins. Dein spezielles Lebens ist eine Erscheinung, die in diesem Sein auftaucht und vergeht. Alle Erscheinungen haben dort ihren Ursprung, durchwandern es und kehren wieder dorthin zurück. Der Körper vergeht in einem Augenblick. Erkenne das und sogar die vergänglichen Erscheinungen Deines Lebens können auf mysteriöse Weise von diesem Urgrund künden, der alles umfasst.

Einige von uns stehen kurz vor dem Tod. Kannst Du einige Worte darüber zu uns sprechen?
Ich spreche immer und immer nur vom Tod. Alles was ich sage, weist darauf hin. Wenn man willens ist, den Tod voll und ganz zu erfahren, dann hat man die letztendliche Lehre empfangen. Wenn wir die Unausweichlichkeit des Todes erkennen, liegt darin die glorreiche Gelegenheit, das Ende des Körpers zu erleben, bevor der Körper tatsächlich stirbt. Diese Erfahrung kann Dir keiner abnehmen. Du kannst sie aber selber in genau diesem Augenblick erleben. Du brauchst nicht zu warten, bis der Körper zerfällt. Du brauchst nicht zu warten, bis irgendein plötzliches Ereignis Dir den Tod vor Augen stellt. Du kannst den Tod jetzt durchleben und in diesem Erlebnis kannst Du erkennen, was stirbt und was nicht sterben kann; was vor der Geburt existierte und daher nicht dem Tod unterworfen ist.
Hast Du Kommentare über den Ursprung von Krankheit?
Der Körper-Verstand-Komplex ist der Ursprung von Krankheit. Wenn Du Dich nicht mit dem Körper identifizierst, nicht einmal einen Moment,  dann ist dort, wo Du bist, keine Krankheit. Es gehen viele methphysische Theorien über Krankheit und deren Ursprung um. Krankheit wird als Lehrer und als Lehre angesehen, aber ich frage mich manchmal, ob es Karma sein kann? Karma ist eine metaphysische Theorie. Mit der Theorie von Karma kann sich der Verstand an Vorgänge klammern und Sinn darin finden. Im Westen haben wir die metaphysischen Karmakonzepte übernommen, aber unser Verstand findet darin meistens keinen Trost. Die meisten denken: „Aber was habe ich denn getan? Wie kann ich das loswerden? Wie kann ich das umwandeln? Was mache ich damit?“ Das Konzept von Karma kann leicht zu einer neuen Quelle der Unruhe des Geistes werden. Der Verstand versucht stets, alles in ordentliche Kategorien einzusortieren. Das Leben lässt sich aber nicht in eine Schublade pressen. Die Wahrkeit kann nicht kategorisiert werden. Wahres Erleben passt in keine Kategorie und wenn diese Krankheit Dein Lehrer ist, dann lässt sich auch dieser Lehrer in keine Kategorie zwängen.

Es geht also darum, das Bedürfnis nach Verstehen aufzugeben?
Ich spreche nicht davon, das Bedürfnis nach Verstehen aufzugeben, denn das wäre falsch. Du würdest dann nur dieses Bedürfnis mit einem weiteren philosophischen Imperativ unterdrücken und sagen:“ Jetzt werde ich alle Bedürfnisse aufgeben. Das verschafft mir Ordnung und Sicherheit und kategorisiert alles so, dass ich es verstehen werde.“ Die Einladung erstreckt sich aber darauf, dem Bedürfnis, dem Nicht-Wissen, dem Tod nackt gegenüberzutreten, anstatt eine weitere Theorie zu finden, die nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit wahrem Wissen hat und daher nur einen flüchtigen Anschein von Frieden hervorbringen kann. Wahrer Frieden ist allgegenwärtig in der Bereitschaft nackt zu sein, offen zu sein, nichts zu wissen und sich grenzenlos verwundbar zu machen. Die Einladung erstreckt sich darauf, das Zentrum dieses Bedürfnisses zu erleben. Das Zentrum des Todes. In diesem Zentrum zu erkennen, was stirbt. Krankheit tritt generell in den Vordergrund, wenn es offenbar wird, dass der Körper nicht so gesund sein wird wie man dachte. Das ist ein Augenblick der Reife, denn diese harte Tatsache trifft auf alle Körper zu. Im Westen haben wir den Körper verehrt. Er ist unser Gott geworden und wenn er nicht gut zu uns war, wenn uns übel mitgespielt wurde, dann war es ein Gott der Rache. Wenn er gut zu uns war, dann war es ein Gott des Vergnügens. Es ist eine Stunde der Rechenschaft, wenn sowohl die Beschränkung des Körpers als auch das wiederkehrende Bedürfnis nach körperlicher Erfüllung erkannt wird. Es ist eine tiefe Enttäuschung und eine große Gelegenheit.
Wir leben unser Leben in der kindlichen Illusion, dass eines Tages der richtige Gefährte, der richtige Körper oder das richtige Leben uns das geben werden, was wir brauchen. Dann, mit Alter oder Krankheit kommt die Erkenntnis: „Der Körper ist beschränkt! Womöglich bekomme ich nicht, was ich brauche?“ Das rüttelt uns bis in die Grundfesten auf. Wenn Du bereit bist, Dich der Enttäuschung zu stellen, bereit bist, diesem Bedürfnis nackt gegenüberzutreten, dann kannst Du erkennen, was Du wirklich willst. Wenn Du krank bist, schreist Du vielleicht zuerst: „Ich will wirklich meine Gesundheit zurück!“ Wenn Du aber tiefer gehst, dann stelle Dir einen Augenblick lang vor, Du würdest durch ein Wunder wieder gesund und frage Dich, was wird mir dieses Wunder geben?

Eine neue Reihe von Bedürfnissen.
Ja, das Bedürfnis verschiebt sich nur. Die Wiederherstellung der Gesundheit gibt Dir lediglich Zeit, Dich mehr nach ‚etwas‘ zu sehnen in der Hoffnung, dass eines Tages irgendeine Handlung, ein neues Abenteuer, ein neues Verständnis dieses Sehnen erfüllen wird. In diesem Augenblick, jetzt, besteht die Möglichkeit einzig und allein nach dem Zentrum der Sehnsucht selbst zu suchen. Sich dieser Sehnsucht voll zu stellen anstatt die Sehnsucht auf ein Objekt abzulenken. Das ist ein großes Geheimnis. Für einen Augenblick in einem Leben besteht die Möglichkeit, dieses Sehnen nicht mehr mit ‚etwas‘, mit Ereignissen, einem Körper oder sogar einem Verständnis zu stillen. Die Möglichkeit taucht auf, das Sehnen voll und ganz zu erfahren. Was für ein Segen! Was für eine Erleichterung! Was für ein Gelächter! Ja, all das. Offenbarung liegt jenseits von allen Doktrinen und Glaubenssystemen. Es liegt jeneits von allem Vorstellbaren. Es ist Jenseits, weil es so nah ist. Offenbarung ist unmittelbarer als jedes Wort, denn sie entspringt der Wahrheit dessen, was Du bist. Diese Wahrheit ist alles, wonach Du Dich je gesehnt hast, alles was Du je gebraucht hast. Alles wonach Du je in Deinen Erfolgen gesucht hast, alles wonach Du gehungert hast, das ist es, was Du im Innersten  schon immer bist.
Vor kurzem sprachen einige Gefangene und ich über das Geschenk der Enttäuschung. In der Welt außerhalb des Gefängnisses glauben wir, dass wir entkommen können. Wir planen, was wir tun wollen, um das zu erlangen, was wir wollen. Aber im Gefängnis klappt das einfach nicht. Man kann dort dieser Illusion ein oder zwei Jahre nachhängen, aber bald muss man sich der Realität stellen. In diesem Augenblick kann echte Selbst-Befragung aufblühen. Ich empfehle das Gefängnis nicht, genausowenig wie ich Krankheit empfehle. Oberflächlich gesehen, sind sowohl Gefängnis als auch Krankheit schreckliche Erfahrungen. Aber in der Bereitschaft, sich der Krankheit so wie sie ist, voll und ganz zu stellen, liegt wieder einmal göttliche Desillusionierung. Es ist das Loslassen von der Illusion des Entkommens. Das Loslassen der Täuschung, das zu finden, wonach Du suchst, irgendwann, irgendwo. In all dieser Ent-Täuschung bist Du willkommen, in all Deiner Bedürftigkeit, Deinem Schmerz, Deiner Furcht und Deiner Verzweiflung. Im Zentrum all dessen, dem Du entkommen wolltest, enthüllt sich das Geheimnis.

Foto: Gangaji Foundation

portrait_gangajiGangaji,
Antoinette Varner, 1942 in den USA in Texas geboren, wuchs in Mississippi auf. 1972 zog sie nach San Francisco und begann nach ihrem wahren Sein zu forschen. 1990 traf sie an den Ufern des heiligen Ganges in Indien in Sri Poonjaji (auch Papaji genannt) ihren endgültigen Lehrer. In dieser Begegnung offenbarte sich für sie die wahre Erfüllung, die sie während ihres ganzen Lebens gesucht hatte: „In Papaji war das tiefste Licht, das ich jemals gesehen hatte.“ Die Begegnung mit Papaji bedeutete für sie „das Ende der Suche und der Beginn einer nicht endenden Selbstverwirklichung“.
www.gangaji.org