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Wirkt zusammen – oder geht unter!

„Nur Stämme werden überleben!“ (Vine Deloria jr, Indianerführer)
von Leila Dregger

portrait leila
„Es wird auf der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist.“ Dieser Satz der Friedensjournalistin Leila Dregger ist buchstäblich um die Welt gegangen und hat viele Männer und Frauen inspiriert, Beziehungsarbeit als Friedensarbeit zu verstehen, die zwischen den Geschlechtern beginnt, in die Gemeinschaft führt und erst endet, wenn das letzte Kriegsbeil begraben ist. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich nicht geschont hat, erst recht nicht beim Schreiben des Buches. Es ist ein Zeugnis dafür, dass die Kraft wächst, wenn man sie braucht.

Der folgende Text ist das letzte Kapitel des Buches von Leila Dregger: „Frau-sein allein genügt nicht. Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe“.

Machen wir uns einmal klar: Mit wenigen Ausnahmen folgen achteinhalb Milliarden Menschen, egal welcher Religion oder politischen Identität sie sich zurechnen, weitgehend demselben Paradigma und demselben Ziel. Und zwar einem, das ihnen selbst gar nicht dient. So gut wie alle tanzen nach der Pfeife des kapitalistischen, materialistischen Denkmusters – selbst die, die sich Sozialisten nennen. Sie nehmen mit ihren alltäglichen Konsum- und Denkgewohnheiten an der Zerstörung von Erde und Natur teil, auch wenn sie diese eigentlich schützen wollen. Trotz aller propagierten Individualität hat sich die Menschheit in eine uniforme Masse gewandelt und folgt den globalen Informationsfeldern, deren Kanäle bis in die letzten Ecken des Planeten reichen.

Was ist da los? Sind wir alle ferngesteuert?
Ja, sind wir. Und wir steuern uns selber fern, denn wir tragen den Stützpunkt des kapitalistischen Systems in uns: Es sind Angst und Getrenntheit, eingeschrieben in unsere Seelen durch menschheitliche, traumatische Erfahrungen der Geschichte. Es ist eine so omnipräsente und furchtbare Angst, dass wir sie fast nie ins Bewusstsein holen – aber sie bringt uns dazu, uns permanent abzusichern, abzulenken, Lebenskräfte abzuwehren.  Sie lässt uns an Mangel glauben. Sie macht uns weis, dass Vertrauen eine falsche Entscheidung ist.
Sie lässt uns intelligenteste technische, ökonomische oder soziale Systeme aufbauen, die alle nach dem Prinzip von Schutz und Angriff funktionieren. Das Paradigma ist so normal, dass es kaum noch jemand merkwürdig findet.

„There Is No Alternative“, sagte Margret Thatcher. Doch das bekannte TINA-Zitat ist falsch. Es gibt sehr wohl Alternativen.

Wir können dieses Computerprogramm, das in unserem seelischen Betriebssystem auf Untergang gepolt ist, umschreiben und ein wahreres und tieferes Programm entwickeln. Es ist irgendwo in uns noch lebendig, wenn auch verschüttet. Manchmal erinnern wir uns, in besonderen Sternstunden von Geborgenheit und Liebe oder geistigen Höhenflügen. Da meldet sich jene „andere Welt, die unser Herz kennt“, wie Charles Eisenstein es sagt.
Wie nehmen wir das Steuer wieder in die eigene Hand? Wie werden wir tatsächlich wieder zu freien Individuen, die ihre wirklichen Ziele verfolgen?
Meine erste und wichtigste Antwort ist: Wir müssen zusammenkommen! Uns als ein Wir zu erkennen, uns mit allen Lebewesen als Gemeinschaft zu empfinden und entsprechend zu handeln: Das empfinde ich als den Imperativ der Evolution an den Menschen heute. Die Zeit des abgetrennten Ego-Männchens ist vorbei. Nicht individuelle Genialität und herausragende Einzigartigkeit entscheiden über das Überleben unserer Spezies, sondern unsere Fähigkeit, uns mit anderen zusammenzufinden zu einem neuen Wir.
Es geht dabei nicht (nur) um die Gründung von Wohngemeinschaften oder Kollektiven. Wir als Menschheit müssen als Ganzes die menschliche Qualität von Gemeinschaft erneuern, in Reibung, Kontakt, Austausch, Mitgefühl, tiefes Erkennen und Miteinander kommen. Die Aufhebung der Getrenntheit ist eine Kern-Änderung unserer Wirklichkeit; es ist ein evolutionärer Schritt, der sich an vielen Orten als Wunsch oder Sehnsucht vorbereitet – und hier und dort bereits versuchsweise manifestiert.

Auf den Widerstandscamps der letzten Jahre, ob Wall Street, Madrid oder Kairo, kam es immer wieder zu einem Phänomen: Junge Menschen unserer Zeit erlebten das Wunder der Gemeinschaft. Sie erkannten, dass ihre Probleme nicht privat waren, schlossen sich zusammen, fanden gemeinsam Lösungen. Sie erfanden Kommunikationsformen und demokratische Spielregeln, teilten ihr Essen und ihre Gedanken, entwarfen Aktionen, erwarben Wissen, spürten Liebe, fühlten sich verstanden. Alles schien möglich! Kaum jemand wollte mehr nach Hause. Das war das eigentliche Leben, und sie wollten es nie wieder verlassen.
Sie hatten Gold entdeckt – aber bald rann es ihnen durch die Finger wie Sand. Wenn endlose Diskussionen um Banalitäten kreisten und das Wesentliche nicht mehr angesprochen wurde; wenn eine schweigende Mehrheit entstand und eine Minderheit endlos argumentierte – dann war das ganze ermüdende Zahnrad der Konkurrenzgesellschaft wieder eingerastet. Es war eine bittere Erkenntnis: Die Gemeinschaft bestand meistens so lange, wie man sich gegen einen gemeinsamen Gegner verbünden konnte. Es fehlten Erfahrung und Wissen, auch ohne Abgrenzung, ohne Feindbild dauerhafte Gemeinschaft zu erzeugen. So zerbrach der Traum – und zwar meistens bevor die Polizei oder die Armee die Camps räumten.
Dies ist kein Wunder. Das gesellschaftlich vorherrschende Feld heißt immer noch: „Tu es besser allein.“ Doch ohne das authentische Empfinden von Ganzheit und Gemeinsamkeit, ohne zu spüren, was uns verbindet, ohne diese „unsichtbare Substanz der Zugehörigkeit“ (Albert Bates, Mitgründer von „The Farm“) werden wir nicht in der Lage sein, gemeinsam, rasch und effektiv auf eine sich immer schneller verändernde Welt zu reagieren. Die meisten innovativen Projekte und Initiativen gehen bei genauerer Analyse nicht an äußeren Bedrohungen zugrunde, sondern an inneren Zerwürfnissen – an Machtkämpfen, Heimlichtuerei oder Eifersucht. Auch Klimaverhandlungen sähen anders aus, wenn Politiker und Lobbyisten sich von ihrem Eigeninteresse lösen und entschlossen für das Gemeininteresse eintreten würden. Sich darüber zu empören, hilft wenig. Damit die „andere Welt“, von der wir träumen, wirklich entsteht, brauchen wir nicht nur hier und da abgelegene Landkommunen und Ökodörfer. Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Feld: Ergänzung und Vertrauen als selbstverständlicher Bezugspunkt unseres Handelns und Denkens. Und Gemeinschaften als Zukunftslabore, in denen deren Bedingungen entwickelt werden können.

Was ist Gemeinschaft?
Es ist ja nichts Neues. Gemeinschaftsbildung liegt uns sozusagen in den Zellen. Die Geschichte der Evolution ist voll von Zusammenschlüssen, Kooperationen und Krisenmanagement durch Teambildung. Es begann schon bei den ersten urzeitlichen Einzellern, die in Grenzsituationen dazu übergingen, Mehrzeller zu bilden. Einzelne, bisher konkurrierende Lebewesen wurden zu Organen eines Organismus, verständigten sich mit den anderen Organen über ihre Aufgabe und – überlebten. Das Erfolgsrezept hieß: Wirkt zusammen – oder geht unter!
In unserem Organismus muss keine Leber mit einer Niere um den Sauerstoff ringen. Keine Lunge denkt, sie müsste genauso handeln wie das Herz. Nur gemeinsam gelingt es ihnen, den Körper am Leben zu halten, in all ihrer Unterschiedlichkeit, koordiniert von dem geheimnisvollen Prinzip der Selbstorganisation – unserem großen evolutionären Verbündeten.
Der Biologe Bruce Lipton sagt: „Würden die Zellen eines Körpers so in Konkurrenz und Misstrauen leben wie die Menschen untereinander, würde er fast sofort auseinander fallen.“

Heute weckt allerdings das Wort „Gemeinschaft“ bei vielen ungute Gefühle. Man denkt an Gruppen, die sich nach außen abgrenzen, gleiche Kleidung und gleiche Sprache benutzen und Gemeinschaftsgefühl dadurch erzeugen, dass sie sich über andere erheben. Stammtische und Fußballstadien sind da noch die harmloseren Beispiele. Unterschiede werden unterdrückt, Individualität geleugnet, man fühlt sich stark schon dadurch, dass man „die anderen“ ausfindig macht: meistens eine andere Volksgruppe, Religion oder das andere Geschlecht, gegen die dann aller Hass, alle Wut und Häme gelenkt werden. In dieser Art von Zusammenschlüssen versteckt sich der Einzelne in der Menge. Hemmschwellen für Gewalttaten sinken. Und wenn ein Führer oder Guru da ist, braucht man nicht mal mehr selbst zu denken. Die Basis solcher Gemeinschaften ist eben auch nicht Denken, sondern pure Triebabfuhr. Statt einer gemeinsamen Aufgabe hat man einen gemeinsamen Feind. Wilhelm Reich nannte das die „Massenpsychologie des Faschismus“.

Unsere Heimat ist der Stamm
Viele zogen daraus die Schlussfolgerung: Gemeinschaft? Nein danke. Dabei zeigt das Phänomen vor allem eins: wie stark die Sehnsucht und gleichzeitig auch die Unfähigkeit ist, sich mit anderen Menschen zusammenzutun. Als die Kulturbotschafterin Sobonfu Somé aus Burkina Faso erstmals in die USA reiste und eine Familie besuchte, fragte sie überrascht: „Wo sind denn all die anderen?“
Ja, wo sind sie denn – die Nachbarn, Freunde, Schwestern, Onkel, Schwagerkinder und Weggenossinnen, die unserem Leben Wärme, Sinn und Qualität geben? Wir haben so viele Möglichkeiten zu Nähe, Kontakt, Austausch, gegenseitiger Hilfe, Zusammenarbeit, Reibung, Korrektur und Voneinander-Lernen aus unserem Leben verbannt. Viele seelische und körperliche Defekte sind durch diesen Verlust, den Mangel an Miteinander zu erklären. Der isolierte Einzelgänger ist eine Errungenschaft der modernen Industriegesellschaft. Er ist es, der selbst noch die sinnlosesten Konsumgüter in den Einkaufswagen legt, um nur ja die Einsamkeit nicht zu spüren. Der Single-Mensch ist auch am meisten der Manipulation, Meinungs- und Angstmache des Systems ausgeliefert, denn ihm fehlen Kommunikation und Auseinandersetzung, um seinen eigenen Standpunkt zu finden.

Gemeinschaftsbildung braucht die weibliche Kraft
Der Verlust unserer Fähigkeit zum Zusammenleben hat auch mit der geschichtlichen Entmachtung der Frauen zu tun. Fast alle Gemeinschaften und soziale Utopien der Geschichte wurden von Männern konzipiert und in einer Zeit gegründet, in der Frauen nicht viel galten. In diesem Ungleichgewicht entsteht keine nachhaltige Gemeinschaft. Für ein wirklich gutes Zusammenleben von Menschen braucht es Eigenschaften, die noch immer „weiblich“ genannt und damit gering geschätzt werden. Es braucht den sozialen Pol, den „Herd“ jeder Gemeinschaft mit all den mütterlichen, heimatschaffenden Qualitäten. Den Ort oder die Person, zu der man auch dann zurückkehren kann, wenn man weiß, dass man etwas falsch gemacht hat, denn hier gibt es Kommunikation, Begegnung, Vergebung, Humor und auch mal Korrektur. In meiner Erfahrung braucht es darüber hinaus die selbstbewusste erotische Präsenz von Frauen aller Altersstufen, damit eine Gemeinschaft nicht eintrocknet.
Wo die Utopien der Vergangenheit dem Weiblichen nicht ausreichend Raum einräumten, blieben sie blutleere Konstrukte, die viele Regeln und Gesetze brauchten und sich in gegenseitigen Konflikten aufrieben: angefangen von Platons Philosophenstaat bis zu den Wiedertäufern in Münster, von Francis Bacons Nova Atlanta über den Sonnenstaat von Campanella bis zu Robert Owens frühsozialistischer „Harmony“-Gemeinschaft am Mississippi und all den Aufbruchsversuchen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie alle sind meiner Meinung nach an fehlendem weiblichen Wissen gescheitert.
Jede Gemeinschaft ist nur so gut, wie sie es schafft, das Weibliche und das Männliche zu ehren. Das Spannungsfeld der polaren Kräfte hält sie lebendig: Geist und Eros, Planung und Kreativität, Mut zur Wahrheit und Mut zum Genuss, Heimat und globale Herausforderung, Theorie, Vision und Forschung sowie Geborgenheit für die Kinder.

Intimität in der Gruppe
Es gibt den magischen Moment, wo aus einer unorganisierten Anzahl von Einzelmenschen ein Gesamtorganismus wird. Anfangs fand man die einen zu schrill, andere zu fad – doch auf einmal zählt das alles nicht mehr, weil ein Gruppenkörper entstanden ist. Es entsteht Interesse am anderen, man hört sich zu, arbeitet zusammen … und ganz beiläufig hat man etwas entdeckt, das zu den größten Geschenken des Menschseins gehört: Verbundenheit. Sie ist so schön wie die erste Verliebtheit.
Damit daraus eine dauerhafte Gemeinschaft wird, sind eine starke Vision, langer Atem und soziales Wissen sowie die Bereitschaft zur Selbstveränderung nötig. Gemeinschaft ist ein spiritueller Weg, der sich nicht in der Stille der Meditation abspielt, sondern im Alltag, in Kontakt und Reibung, in gegenseitiger Hilfe und Transparenz. Sie besteht im Mut, auch unbeliebte Wahrheiten auszusprechen – sowie Erfahrungsräume zu schaffen, wo wir uns gegenseitig die ungeschminkten Schattenseiten zeigen und aneinander ertragen lernen. So tief verstandene Gemeinschaften gehen weit über die Frage von Sympathie hinaus.

Ein entscheidendes Thema, an dem viele Gemeinschaften zerbrechen, ist die Dynamik der Liebesbeziehungen. Da wo Menschen wieder lebendig werden, werden sie sich neu verlieben. Beziehungen lösen sich auf, es entstehen neue. Jetzt braucht es Transparenz, Behutsamkeit und Wissen in Liebesdingen, damit die Gemeinschaft nicht daran zerbricht und damit wir die neu gefundene Lebendigkeit nicht schon wieder unterdrücken müssen, sondern willkommen heißen.
Umgekehrt braucht auch Partnerschaft die Einbettung in Gemeinschaft: Jedes wirkliche Liebespaar durchläuft früher oder später Konflikte und Schwierigkeiten, mit denen es allein überfordert ist. Wir erleben in der Partnerschaft das ganze Spektrum der Projektionen; alle Engel und Dämonen unserer Seelenwelt zeigen sich im Anblick des Geliebten; und manchmal wird er zum größten Feind. Das Vieraugengespräch reicht dann nicht mehr aus, man braucht einen Schutzraum des Vertrauens, um sich dann noch zuzuhören und nicht gleich mit Ping-Pong zu reagieren. Man braucht auch die Möglichkeit, den richtigen Abstand zu finden, ohne sich zu trennen. Und viele brauchen ein größeres Spektrum, ein „Biotop“ der Liebe, damit die Liebe zum einen sich erneuern kann. Hier liegt einer der tiefsten Qualitätsmerkmale von Gemeinschaften: Familien und Liebesbeziehungen so begleiten zu können, dass sie nicht alleingelassen sind mit den großen Themen, die in der intimen Partnerschaft aufkommen.
In meiner Gemeinschaft gibt es mehrere Beispiele für Paare, die beim Einzug bereits kurz vor der Trennung standen und deren Liebe durch das gemeinsame Leben in Tamera wieder auflebte.

Was wäre wenn?
Was würde geschehen, wenn sich immer mehr Menschen zusammenschließen – so wie einst die ersten Einzeller in den prähistorischen Pfützen, die sich zu Mehrzellern zusammenschlossen, um den evolutionären Herausforderungen gewachsen zu sein? Wie in der Biologie könnte sich ein Erfolgsrezept, das einmal gelungen ist, zunächst unbemerkt, aber unaufhaltbar verbreiten: inspirierte Nachbarschaften in Metropolen, Zukunftswerkstätten in alten Fabriken, Food-Coops und Info-Cafés im ganzen Land werden zu Gemeinschaftskeimlingen und Netzwerken, die gemeinsam die Verantwortung für ihre Region oder Stadt übernehmen. Friedensdörfer in Krisenregionen, Lebensgemeinschaften und selbstverwaltete Flüchtlingscamps werden Wissen über nachhaltige Architektur, Energietechnologie, Ökologie, Kunst und Konfliktlösung anwenden und Ergebnisse liefern für eine neue globale Kultur des Friedens und der Nachhaltigkeit. Die einzelnen Menschen und Gruppen werden sich als Organe einer größeren Bewegung sehen – und überleben!
Utopisch? Vielleicht. So wie die Idee des Mehrzellers für die bisherigen Einzeller.

Wie erhalten Gemeinschaften Dauer?
Es folgen einige Leitgedanken, keine Methodik. Denn es sind nach meiner Erfahrung nicht in erster Linie Methoden, die einer Gemeinschaft Dauer geben. Wir müssen alle Methoden immer wieder hinter uns lassen und neue finden, und wir müssen lernen, uns im methodenfreien Raum zu bewegen; dann bleibt die Gemeinschaft lebendig. Doch gibt es hilfreiche Erfahrungen, von denen ich hier einige teilen möchte.

Gemeinschaft und Individuum
Das Vorbild von Zukunftsgemeinschaften ist das Biotop, nicht die Herde oder die Armee. Zukunftsgemeinschaften leben nicht von Gleichmacherei, sondern von ausgeprägter Individualität und Vielfalt. Wir müssen in unseren Gemeinschaften genug Platz für die Entwicklung des Einzelnen lassen, genügend Zeit für das Allein-Sein und für das gegenseitige Erkennen: Wir werden sehen, dass Unterschiede und Vielfalt unsere Gemeinschaft bereichern. Wir werden auch den Unterschied zwischen dem Ich und dem Ego erkennen: Während das Ego trennt, ist das Ich immer etwas, das verbindet.
Es gibt keine funktionierende Gemeinschaft ohne Individualität. Umgekehrt gibt es keine Individualität ohne Gemeinschaft: Wir entwickeln sie nicht allein im Kämmerlein, wir brauchen Kontakt, Feedback, Reibung, um zu erkennen, wer wir sind und ein Gefühl für unsere Stärken und Schwächen zu bekommen. Die Gemeinschaft kann ein Schutzraum sein, unsere persönliche Wahrheit zu erkennen und auszusprechen.

Ein gemeinsames Ziel
In keiner Gemeinschaft werden sich die Mitglieder immer sympathisch sein. Es ist wie bei einer Partnerschaft: Wenn die erste Verliebtheit abflaut und die Projektionen bröckeln, müssen wir entscheiden, ob wir auseinandergehen oder etwas finden, das stärker ist als momentane Sympathie oder Antipathie. Im I-Ging steht: „Nicht Sonderwerke des Ichs, sondern Menschheitsziele rufen dauerhafte Gemeinschaft hervor.“ Globale Anteilnahme und ein gemeinsames Ziel, mit dem sich seine Mitglieder stark verbinden können, sind essentiell. Unter den Mitgliedern wächst ein starkes Band, wenn sie merken, dass sie sich in Bezug auf das gemeinsame Ziel ergänzen und aufeinander verlassen können.

Transparenz und Vertrauen
Vertrauen entsteht durch Transparenz. Es entsteht, wenn man im Innersten gesehen wird und den anderen sieht. Und das geschieht, weil man sich selbst zeigt. Es ist erstaunlich, was für eine Last von einem fällt, wenn man weiß: Ich muss keine Angst vor heimlicher Verurteilung haben, die anderen werden mir sagen, wenn sie etwas an mir nicht mögen. Statt heimliches Gerede braucht jede Gemeinschaft Formen, die ihren „Untergrund“ sichtbar machen – all das, was man so gerne höflich verschweigen und verdrängen würde, was aber das Klima vergiftet, wenn es nicht ausgeräumt wird. Dieser Austausch sollte von Humor, Wohlwollen und menschlichem Wissen getragen sein, es geht nicht darum, sich gegenseitig zu verletzen, sondern sich zu verstehen, zu zeigen und zu befreien. Eine freie Aussprache, bei der man keine ängstlichen oder wütenden Reaktionen zu befürchten hat, ist erlösend für jede Gemeinschaft.

Leitungsstruktur und Basisdemokratie
Das Vorbild der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung ist nicht mehr die Pyramide, sondern der Kreis. Der nordamerikanische Indianer Manitonquat schreibt: „In einem Kreis ist jeder ein Führender. Das heißt, dass jeder die Verantwortung für den ganzen Kreis übernimmt.“ Ohne partizipative Entscheidungsprozesse, in der alle Stimmen gehört werden, entsteht keine Gemeinschaft. Doch Basisdemokratie braucht auch Menschen mit Führungsqualitäten, damit Verantwortung tatsächlich geteilt werden kann. Und sie braucht menschliches Wissen und die Bereitschaft zur Transparenz: Wie viele quälende Sachdiskussionen erweisen sich als Scheingefechte, wenn man die menschlichen Hintergründe sichtbar macht. Letztlich sollten Entscheidungen von denen getroffen werden, die bereit sind, Verantwortung zu tragen. Dafür wurden gerade in den letzten Jahren viele organisatorische Werkzeuge erfunden.

Die Gemeinschaft der Gemeinschaften – und das globale Selbst
Glaube ich denn tatsächlich, dass Gemeinschaften – so viele es auch sein und so gründlich sie auch arbeiten mögen – dem globalen Kapitalismus und dem Kriegssystem ernsthaft etwas entgegen setzen können? Kommunen gegen die Macht des digital gesteuerten, global organisierten, militärisch gestützten Weltsystems? Das hört sich so an wie Mistgabeln gegen Raketen. Doch so ist es nicht gemeint.
Zunächst: Dieses scheinbar so machtvolle System ist gerade dabei, sich selbst abzuschaffen. Das können wir kaum noch aufhalten. Wir können nur hoffen und unser Bestes tun, dass dieser Vorgang mit möglichst wenig Gewalt und Not vonstatten geht.
Aber was kommt nach dem Zusammenbruch der Großsysteme? Wir können uns ja einmal in Gedanken umschauen: Was passiert, wenn die Supermärkte leer sind, wenn die Strom- und Wasserversorgung nicht mehr funktioniert? Im Moment wären die meisten von uns kaum in der Lage, das lange zu überleben. Ganz sicher nicht in einem Single-Haushalt in einem anonymen Wohnblock.
Permakultur-Erfinder Bill Mollison sagte: „Wenn du aus dem Fenster schaust und nicht deine Nahrung wachsen siehst, dann hast du ein Problem.“ Dasselbe könnten wir für Energie, Baustoffe, Wasser sagen: Wir müssen unsere Versorgung wieder so organisieren, dass wir sie sehen und dafür die Verantwortung übernehmen können.
Die Gemeinschaftsbewegung hat meines Erachtens die Aufgabe, ein Leben vorzubereiten, das nicht mehr auf die globalisierte Wirtschaft angewiesen ist: Versorgungssysteme, die den Zusammenbruch überstehen und mit der Natur kooperieren, vernetzte Regional-Autonomien, intelligente Solarsysteme, regionale Wirtschaftskreisläufe, dezentrale ökologisch und sozial verträgliche Kleinindustrie, weltweiter Wissenstransfer statt Warentransport – und ein soziales, kulturelles und sexuelles Leben, das Vertrauen und Liebe erzeugt und deshalb wahrhaft nachhaltig ist.
Einiges davon geschieht bereits, vielerorten noch unterhalb des Radars der Massenmedien. Tatsächlich entstehen in allen Kontinenten Gemeinschaften, die nachhaltige Lösungen für globale Probleme anbieten. Es gibt bereits hunderte Dörfer in Afrika, die sich in Ökodörfer transformieren, Favelas in Brasilien, die ihre Verwaltung in die eigene Hand nehmen, Friedensdörfer im Nahen Osten; es gibt anscheinend hunderte von Anastasia-Siedlungen in Russland, urbane Nachbarschaften schließen sich zu Transition Town Initiativen zusammen, Widerstandsdörfer in Kolumbien geben Beispiele für Gewaltfreiheit, spontane Gemeinschaften von Freiwilligen und Flüchtlingen bilden sich dort, wo Hilfe gebraucht wird, es entstehen Protestdörfer, Netzwerke und Versorgungs-Kooperativen.
An vielen Orten schließen sich Menschen zusammen und übernehmen Verantwortung für ihre Umgebung, füreinander und für soziales, ökonomisches und ökologisches Handeln. Im Netzwerk GEN – Global Ecovillage Network – verbinden sich solche Initiativen und kooperieren mit globalen Organisationen wie der UNO sowie mit Akteuren aus der Nachhaltigkeitsbewegung in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sie leiten umfassende Ausbildungsprojekte und Hilfe in Krisengebieten. Projekte des globalen Nordens und Südens gehen Partnerschaften der gegenseitigen Inspiration und Unterstützung ein. Errungenschaften wie Permakultur, Solarenergie, natürliches Wassermanagement und Bauen mit regionalen Rohstoffen sowie soziales Wissen um Entscheidungsfindung, Stärkung der Frauen, Konfliktlösung und regionale Wirtschaftskreisläufe schaffen im globalen Norden eine Verbesserung der Lebensqualität. In Krisengebieten können sie über das Überleben entscheiden.
Diese sanfte Revolution bietet ganz neue Perspektiven und Berufsmöglichkeiten für die junge Generation. Sie stehen damit nicht mehr der Entscheidung, dass sie entweder in ein System einsteigen müssen, deren Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit sie erkennen, oder aussteigen. Sie können einsteigen in eine neue, sinnvolle Wirklichkeit, die sich längst vorbereitet. Sie kann dazu beitragen, Gaia, unsere Mutter Erde, zu heilen und aus ihr wieder einen lebenswerten Planeten zu machen.

Der nächste Schritt wird gerade – noch etwas vorsichtig – getan: Erste Gemeinschaften und Ökodörfer bilden die „Gemeinschaft der Gemeinschaften“. Dazu durchschreiten sie all die herausfordernden Stufen des Zusammenkommens, die auch jede einzelne Gemeinschaft durchschreiten musste, um „Vertrauen“ und „Miteinander“ nicht nur zu sagen, sondern wirklich zu erzeugen.
Gemeinschaftsbildung auf allen Ebenen ist ein wesentlicher Schritt dafür, dass – und das ist meine persönliche Zukunftsvision – eines Tages ein globales Selbst erwacht. Ein mitfühlendes, intelligentes, umfassendes und planetarisches Selbst, das seinen Stützpunkt in uns allen hat. Ein Selbst, dass es unmöglich macht, Krieg gegeneinander zu führen. Denn wir werden die Einheit nicht mehr nur theoretisch kennen, sondern empfinden. In jedem Moment.

Wir danken Leila Dregger und dem Verlag edition Zeitpunkt für die Genehmigung zum Abdruck.

Leila Dregger
ist Journalistin und Autorin.
Sie schreibt über Friedensprojekte und Friedensentwicklungen und lebt in Tamera, Portugal, und baut dort eine Schule für Friedensjournalismus auf.
leila.dregger@tamera.org

 

cover leila

Leila Dregger
Frau-Sein allein genügt nicht
Mein Weg als Aktivistin für Frieden und Liebe
180 Seiten, 17,- €
Erscheinen: Januar 2017
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