Spirituelle Bücher oder Filme?

Finden Sie hier:

DruckenE-Mail

Die Blutwert-Lüge

portrait muhm
Warum Laborwerte falsch sind und uns krank machen
Von Myriam Muhm


Sind falsche Festlegungen von Blutwert-Referenzbereichen schuld an Fehldiagnosen, die von „verpassten“ Frühdiagnosen bis hin zu gravierenden Behandlungsfehlern führen können?

Das sollte man sich fragen, wenn man so liest, was Ärzte und Professoren der Medizin in wissenschaftlichen Fachzeitschriften oder in den Leitlinien schreiben – insbesondere, wenn sie wieder einmal auf falsch festgelegte Referenzbereiche bestimmter Stoffe (TSH, Ferritin, B12, Vitamin D, etc.) aufmerksam machen.
70 Prozent aller Diagnosen gründen sich auf Blutbefunde – doch allzu oft liefern sie falsche Aussagen über die tatsächliche Gesundheit der Betroffenen. Und so machen Millionen von Patienten die leidvolle Erfahrung, dass ihr Blutbefund ‚in Ordnung‘ ist, obwohl sie zweifellos krank sind.
Es sind Menschen mit unerkannter Schilddrüsen- oder Diabeteserkrankung, mit Depressionen oder Fatigue-Syndrom, mit kognitiven Störungen oder Demenz – und nicht zuletzt die große Schar derer, die als Psychosomatiker oder gar als eingebildete Kranke abgestempelt werden.
In meinem Buch „Die Blutwert-Lüge“ werden die Ursachen möglicher Fehldiagnosen beschrieben und anhand wissenschaftlicher Studien belegt, auf welche Weise eine falsche Festlegung von Referenzbereichen dazu führt, dass Krankheiten nicht erkannt werden. Es geht hier notabene nicht darum, Millionen von Menschen als krank einzustufen, sondern einzig darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man verstärkt präventiv handeln kann, um den Patienten (und letztlich auch der Gemeinschaft) ggf. unnötige Medikamente oder Operationen zu ersparen.
Schaut man sich die Aussagen erfahrener Fachärzte an, dann sind die Referenzbereiche von B12 ( laut z. B. Prof. Wolfgang Herrmann, Deutschland), aber auch von TSH (laut z. B. Dozent Wolfgang Zechmann, Österreich, Prof. Georg Brabant, Deutschland) sowie von Ferritin (laut z. B. Prof. Peyrin-Biroulet, Frankreich) und von Blutzucker (laut Prof. T. H. Lüscher, Schweiz, siehe Europäische Leitlinie für Diabetes und Herzerkrankungen) sehr problematisch und können zu einer Unterdiagnostizierung und somit zu Fehldiagnosen führen, die unter Umständen auch recht gravierender Natur sein können.

So plädieren Ärzte und Professoren den unteren Normwert für Ferritin anzuheben und von 15 ng/ml auf mindestens 50, wenn nicht sogar auf 100 ng/ml zu bringen.
Bezüglich Vitamin B12 hieß es bereits vor Jahren selbst im Deutschen Ärzteblatt, dass der untere Normwert von ca. 200 ng/L unterschätzt ist – insbesondere was die neuronale Wirkung von B12 anbelangt, da erwiesenermaßen schon beim Unterschreiten von 500 ng/L die Leitfähigkeit der Nerven beeinträchtigt ist, was oft mit Taubheitsgefühl oder Kribbeln in den Beinen einhergeht.

Im Buch wird weiter darauf eingegangen, wie sehr ein Mangel an B12 auch unser Gehirn belastet – verbunden mit Depressionen und Vorstufen der sogenannten Altersdemenz.
Einige gut informierte Ärzte reagieren bereits und verschreiben B12 trotz normaler Blutwerte, aber es sind leider die wenigsten.
Dass Diabetes unterdiagnostiziert ist, ist in Deutschland wie in anderen Ländern sehr wohl bekannt; auch hier wäre es laut der europäischen Leitlinie zu Herzerkrankungen und Diabetes vonnöten, die Referenzbereiche zu ändern. Nicht, wie noch einmal betont sein soll, um noch mehr Menschen als krank einzustufen, sondern um die schrecklichen Begleiterscheinungen des Diabetes, insbesondere was das Herz-Kreislaufsystem anbelangt, präventiv angehen zu können.
Im Buch wird klar und unmissverständlich erläutert, dass trotz normaler Kalziumwerte eine Osteoporose vorliegen kann (!), dass man trotz normaler B12-Werte unter Polyneuropathien oder Depressionen leiden kann, dass trotz normaler Ferritinwerte ein funktioneller Eisenmangel bestehen kann (mit all den Begleiterscheinungen wie depressive Verstimmungen und Apathie), und dass selbst bei diesbezüglich normalen Blutwerten eine akute lebensbedrohliche Bauchspeicheldrüsenentzündung vorliegen kann. Dies sind nur einige Beispiele.

Folgende Grunderkenntnis, die im Buch anschaulich vermittelt wird, dürfte für den einen oder anderen ein Aha-Erlebnis sein: Liegt ein untersuchter Stoff innerhalb des Referenzbereichs, kann in den Geweben und Organen (Niere, Leber, Pankreas, Gehirn, Schilddrüse, Knochen …) trotzdem ein Mangel oder ein Überschuss dieses Stoffes vorliegen – und man kann deswegen krank sein. Dies wird durch zahlreiche medizinische Studien ausreichend belegt.
Liegt ein untersuchter Blutwert außerhalb des Referenzbereichs, kann man – akute Fälle ausgenommen – zumeist davon ausgehen, dass sich diese Auffälligkeit erst dann zeigt, wenn ein Organ oder Gewebe bereits jahrelang erkrankt ist. Taucht in einem Blutbefund etwa ein erhöhter Kreatininwert auf, sind bereits bis zu 50 Prozent der Nierenfunktion verlorengegangen. Das bedeutet, die Niere musste schon jahrelang mit stark verminderter Leistung arbeiten, was die Kreatininwerte in den Blutbefunden allerdings nicht verrieten, denn die bewegten sich die ganze Zeit „im Normbereich“.
(Nachzulesen u.a. in der Pharmazeutischen Zeitung Online-Ausgabe 34, 2014.)

Ähnlich wird auch bei Schilddrüsenprobleme davon ausgegangen, dass dieses Organ schon lange erkrankt sein kann, bevor die Werte im Blutbefund auffällig werden.
Die Idee, all diese Sachverhalte anschaulich und gut belegt in einem Buch zusammenzufassen, verdanke ich einer Studie des amerikanischen Arztes und Forschers John D. Doux, die vor 10 Jahren veröffentlicht wurde und sich mit meiner langjährigen Erfahrung als Medizinstudentin und Patientin deckte. Der Titel dieser wissenschaftlichen Studie lautete „When normal is not ...“ – übersetzt etwa: „Wenn normale Blutbefunde nicht bedeuten, dass man gesund ist.“
Dr. Doux’ Studie und auch die Auffassungen vieler Ärzte, dass das blinde Vertrauen auf die Blut(serum)befunde die Medizin in vielen Fällen auf den Holzweg führen kann, haben die Autorin dazu motiviert, wissenschaftliches Material zu sammeln, um eines der gravierendsten Probleme der modernen Medizin aufzuzeigen: den Umgang mit Blutbefunden.

Ich selbst war jahrelang krank ohne eine Diagnose zu erhalten, da die Blutbefunde immer perfekt waren. Keiner der zahlreichen Ärzte, die ich aufsuchte, hat sich die Mühe gemacht „out of the box“ zu denken und nicht nur anhand der Blutbefunde eine Diagnose zu stellen – bis einer die Idee hatte, eine Biopsie durchführen zu lassen. Da stand die Diagnose dann endlich fest: Ich hatte eine Autoimmunerkrankung.

Viele Ärzte hatten die entsprechenden Parameter durchaus gemessen, aber alle lagen stets in der Norm! Somit war ich jahrelang als gesund eingestuft worden, obwohl ich schon lange krank war und mich dementsprechend gefühlt habe. Ähnliches musste auch die Journalistin Vanessa Blumhagen erfahren, wie ich auch  in meinem Buch schildere.
Die wissenschaftliche Pionierarbeit von John D. Doux zeigt die Achillesferse der Schulmedizin. Nach seiner Auffassung – und er steht damit nicht alleine – ist die Annahme, Blutwerte innerhalb des Normbereichs würden die normale Funktion der Organe und der Gewebe darstellen, „ein grundlegender Fehler“ der modernen Medizin, weil auf diese Weise eine große Anzahl an tatsächlich kranken Patienten nicht erfasst wird.
Hinzu kommt, dass auch die Befunde selbst aus vielerlei Gründen falsch sein können. Das beginnt mit fehlerhaften Blutentnahmen und reicht bis hin zu Verfälschungen infolge von Labormängeln oder eingenommenen Medikamenten. Auch darauf wird im Buch eingegangen.

Der wunde Punkt der Medizin aber sind jedoch die aktuell festgesetzten Referenzbereiche. Sie sind manchmal „groß wie Scheunentore“, wie eine Patientin sie einmal treffend beschrieb, manchmal aber auch eng wie ein Nadelöhr – anschauliche Metaphern, die die Problematik in ihrem Kern treffen. Diese wird von Fachärzten und selbst in einigen Leitlinien wie gesagt mehr oder weniger deutlich angesprochen, allerdings kommt es in vielen Fällen nicht zu einer durchgreifenden und notwendigen Anpassung falsch gesetzter Referenzbereiche der für uns doch so wichtigen Blutwerte.
Die kleinen Zahlenwerte auf den Blutbefunden, mit denen wir heute „krank/therapiebedürftig“ von „gesund/nach Hause schicken“ unterscheiden, können über das Schicksal von Millionen entscheiden. Allzu oft werden allein aufgrund dieser Zahlenwerte kranke Menschen ohne Diagnose und Therapie in die Verzweiflung getrieben.
Man geht davon aus, dass in der BRD etwa vier Millionen Menschen keine Diagnose für ihre Beschwerden erhalten. Dies alles zeigt deutlich, dass man als Patient den Mut aufbringen muss, wenn notwendig, weitere Ärzte aufzusuchen.

Falsch gesetzte Referenzbereiche können zum Beispiel auch dazu führen, dass mangels Frühdiagnostik Erkrankungen überhaupt erst entstehen oder sich verschlimmern – Krankheiten, die man mit einer anderen medizinischen Vorgehensweise (sorgfältige Symp-tomanalyse und bessere Referenzbereiche) rechtzeitig hätte verhindern, behandeln oder sogar noch heilen können. Hierbei geht es nicht nur um die Patienten, sondern auch um die gesellschaftlichen Folgekosten.

Die sehr interessante WDR-Dokumentation über Prof. Jürgen Schäfer, “Der Arzt, der um die Ecke denkt”, zeigen eindeutig, wie viele Patienten einen langen Weg hinter sich haben, bis sie endlich dort ankommen, wo man sich mehr Gedanken macht.

Menschen, die sich um ihre eigene Gesundheit und um die ihrer Lieben sorgen und selbst etwas dafür tun wollen, liefert dieses Buch gut verständlich fundierte medizinische Informationen. Gleichzeitig will es Wegweiser und Ratgeber sein, um sich in unserem leistungsstarken, aber eben auch fehlerbehafteten Medizinsystem ein Stück besser zurechtzufinden.

Foto: © privat

Miryam Muhm
ist als freie Journalistin spezialisiert auf Medizin und Naturwissenschaften.
Sie schrieb für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Für das italienische Fernsehen ist sie als wissenschaftliche Beraterin tätig. Die in München und Italien lebende Autorin ist zudem selbstständige Dokumentarfilmerin für RAI TV und das Schweizer Fernsehen (Bereich Wissenschaft).

 

cover blutwertluege

Myriam Muhm
Die Blutwert-Lüge
Warum Laborwerte falsch sind
und uns krank machen
240 Seiten, Klappenbroschur
18,99 €
ISBN 978-3-95890-054-7
Europa Verlag