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Vaterliebe

Von Victor Chu

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Vaterliebe – ein Fremdwort?
Der Vater ist häufig der große Unbekannte in einer Familie. Mutterliebe kennt jeder Mensch – zu Recht, wo sie das Wichtigste ist, was ein Kind emotional erfahren kann. Aber Vaterliebe klingt fremd und unvertraut.

Als ich das Titelbild meines Buches vor einigen Monaten zum ersten Mal vom Verlag zugeschickt bekam, musste ich zweimal hinschauen, bevor ich das Wort Vaterliebe entziffern konnte. Das Wort wurde so dargestellt, als würde ein ABC-Schütze es buchstabieren: VA-TER-LIE-BE. Es scheint, als müssten wir die Liebe des Vaters buchstabieren lernen, so unvertraut ist sie uns.

Erst Vaterliebe und Mutterliebe zusammen macht uns vollständig
Dabei ist Vaterliebe genauso wichtig wie Mutterliebe. Vater und Mutter gibt es nur im Doppelpack. Warum? Weil jede und jeder von uns aus Vater und Mutter besteht. Beide stecken in jeder Zelle unseres Körpers. Unser Aussehen ist eine Kombination von beiden. Beide sind unsere seelische Grundausstattung. Wir bestehen alle aus Vater und Mutter. Erst wenn wir beide in uns haben, sind wir vollständig. Vater- und Mutterliebe gehören zusammen. Erst dann fühlt sich das Kind vollständig.

Vaterferne und Vatermangel
Wenn ein Kind ohne einen Elternteil aufwächst, wird es spätestens im Erwachsenenleben merken, dass ihm etwas Entscheidendes fehlt. Es kommt z. B. in der Schule nicht weiter. Es hat Schwierigkeiten im Beruf. Es findet keinen passenden Partner. Es bekommt keine Kinder, oder wenn es Kinder hat, kommt es mit ihnen nicht zu Recht. Die Familie fällt auseinander. All dies können Symptome von Vatermangel sein.

Die patriarchalische Ordnung
Vatermangel ist tatsächlich ein Symptom unserer Zeit. Dabei fehlt der Vater schon lange seelisch in der Familie. Wir haben es nur nicht bemerkt, weil seit Jahrtausenden die patriarchalische Gesellschaftsordnung geherrscht hat. Die patriarchalische Ordnung schrieb die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau fest: Der Mann hatte den Lebenskampf draußen in der Welt zu bestehen, und wenn er zuhause war, herrschte er.

Die Weltkriege
Lange hatte dieses Gesellschaftsmodell Bestand, bis sich die Männerwelt in ihrer Aggressivität überschlug: in den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts massakrierten sich 40 Millionen Soldaten gegenseitig. Die beiden Weltkriege haben so viele Männer dezimiert, dass Frauen merkten, ohne Männer kamen sie auch ganz gut zurecht. Die heimkehrenden Männer ihrerseits waren zum Teil so kriegstraumatisiert, dass sie nicht mehr fähig waren, ihre männlichen Aufgaben zu erfüllen. Die patriarchalische Ordnung fand damit, zumindest in der westlichen Welt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihr Ende.
Die 68er-Bewegung stellte die Scheinautorität der Kriegsgeneration bloß. Die Frauen-Emanzipationsbewegung ließ Frauen endlich über ihren eigenen Bauch und ihren eigenen Berufsweg bestimmen. Die Männer fielen zurück, verfielen in Schuld und Selbstanklage und schlichen unbemerkt langsam aus der Familie.
Wir haben heute die traurige Situation, dass immer mehr Kinder in vaterlosen oder Patchworkfamilien aufwachsen. Jungen fallen gegenüber ihren Altersgenossinnen zurück: in der Schule, in der Universität, in der Arbeitswelt, in der Familie. Den selbstbewussten, aufstrebenden Mädchen und jungen Frauen haben sie nichts entgegenzusetzen. Jungen bleiben häufiger in der Schule sitzen. Eltern beklagen sich, dass ihre Söhne (nicht selten nach dem Vorbild ihrer Väter) stundenlang vor dem PC hocken, dass sie in Alkoholrausch und Cannabisapathie abtauchen, dass sie nach Beendigung der Schule nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen. Ihnen fehlen positive Vorbilder und Lebensziele.
Viele resignieren, andere werden gewalttätig – nicht zuletzt in ihrer Partnerschaft. Das Familienministerium heißt offiziell: „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ – das Wort „Männer“ fehlt, in der irrigen Annahme, Männer bräuchten keine Förderung. Sie seien sowieso privilegiert – eine fatale Fehleinschätzung.
Gleichzeitig haben wir heute das Phänomen, dass die Arbeitswelt die jungen, begabten Mütter so schnell wie möglich von ihren Kindern weglockt, um den Fachkräftemangel auszugleichen. Nicht zufällig werden Kitas selbst für die jüngsten Kinder gefordert. Ja, junge Mütter werden gezwungen, so früh wie möglich wieder arbeiten zu gehen, weil ihnen bei einer Scheidung gesetzlich nur noch in den ersten drei Jahren nach der Geburt eines Kindes Unterhalt vom Partner zusteht. Wir haben heute also die Situation, dass nicht nur die Väter in der Familie zunehmend fehlen. Den Kindern werden nun auch die Mütter weggenommen.
Mir schwebt hingegen ein Familienmodell vor, in dem die junge Familie soviel finanzielle Unterstützung von der Gemeinschaft bekommt, dass beide Eltern weniger arbeiten müssen. Sie kennen alle die Überlastung junger Eltern. Nicht umsonst gehen in dieser stressigen Zeit viele Beziehungen kaputt. Wenn beide Eltern reduziert arbeiten können, dann hätten sie mehr Zeit für Kind, Haushalt und nicht zuletzt für die Pflege ihrer Partnerschaft. Dazu braucht es nicht nur die finanzielle Unterstützung des Staates, indem dieser einen Teil des entgangenen Lohns ersetzt, sondern auch die aktive Mithilfe der sozialen Umwelt und der gesamten Gesellschaft. Dies wird sich in den zukünftigen Generationen auszahlen – durch starke, selbstbewusste Kinder.

Wozu Väter?
Wozu brauchen wir Väter?
Ich möchte hier einige Grundfunktionen des Vaters nennen:

1. Die Gorilla-Funktion: Der Vater als Schutz für die Mutter-Kind-Dyade
Ich habe vor vielen Jahren mit meiner Frau und unseren Kindern den Zoo besucht. Die Gorillamutter hat gerade ein Kind bekommen. Alle Besucher drängen sich vor die Glasscheibe, um das niedliche Kind zu sehen. Dahinter sitzt aber der gewaltige Gorillamann. Er blickt finster und drohend in die Menschenmenge, mit einem Blick, der unmissverständlich signalisiert: „Kommt ja keinen Schritt näher – sonst habt ihr mit mir zu tun!“
Die Zuschauer finden, er stört. Er hindert sie daran, einen guten Blick auf Mutter und Baby zu erhaschen. Meine Frau schaut aber den riesigen Gorilla an, dann wendet sie sich zu mir und sagt: „So hätte ich dich gebraucht, als ich die Kinder bekam!“
Die erste Aufgabe des Vaters vor und nach der Geburt besteht darin, die Mutter-Kind-Einheit zu beschützen. In dieser Zeit bildet sich die seelische Bindung zwischen Mutter und Kind, die so wichtig ist für das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit des Kindes in der Welt. Die Mutter-Kind-Dyade ist aber eine sehr verletzliche Einheit. Sie kann durch Umwelteinflüsse empfindlich gestört werden. Mutter und Kind brauchen vor allem den väterlichen Schutz in dieser Zeit. Dies ist ein unendlich wichtiger Dienst, den er beiden leisten kann: Eine glückliche Mutter ist die beste Voraussetzung für ein glückliches Kind.

2. Triangulierung: Der Vater als das andere Gegenüber fürs Kind
Fürs Kind ist der Vater von Anfang an das Gegenüber. Die Mutter umhüllt, bildlich gesprochen, das Kind: Es war in ihrem Bauch, dann in ihren Armen. Der Vater tritt dagegen schon immer als Gegenüber auf. Er ist der fremde, gleichzeitig faszinierende Dritte. Mit dem Vater erkennt das Kind: Es gibt etwas Anderes in der Welt als die Mutter. Der Vater sieht anders aus, er fühlt sich anders an, er riecht anders, seine Stimme klingt anders. Ein liebender Vater lädt das Kind in die Welt draußen, die abenteuerliche, die kraftvolle, eben die männliche ein. Zwischen dem sicheren mütterlichen Hafen und der abenteuerlichen väterlichen Welt kann es nunmehr seine Entdeckungen machen. Der Vater bringt somit dem Kind Autonomie bei: auf den eigenen Füßen stehen, mutig in die Welt gehen, die Herausforderungen des Lebens bestehen.

3. Geschlechtsidentität für Jungen und Mädchen
Zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr entdecken Mädchen und Jungen ihr eigenes Geschlecht. Es ist die Zeit der Doktorspiele, in denen sie den „kleinen Unterschied“ entdecken und sich als männlich oder weiblich definieren. Es ist die Zeit, in der Kinder das gegengeschlechtliche Elternteil heiraten wollen, in der sie im Rollenspiel die Mutter und den Vater nachahmen.
In dieser Phase ist die Anwesenheit des Vaters für einen Jungen besonders wichtig, weil dieser sich von der Mutter entfernt, mit der er bisher symbiotisch verbunden war. Damit löst er sich aus der weiblichen Sphäre und wechselt über ins männliche Lager. In dieser Zeit kann der Vater etwas mit dem Sohn allein unternehmen. Er kann den Sohn in Fußball und Handball, ins Schachspiel und in andere Wettkämpfe einführen.
Mädchen müssen sich zwar nicht so stark von der Mutter abgrenzen wie Jungen. Sie bleiben in der weiblichen Sphäre und wachsen in die Frauenrolle hinein, sowohl was die Pflege ihres Äußeren betrifft als auch in hausfraulichen Tätigkeiten. Auch wenn sie sich später von solchen weiblichen Stereotypien emanzipieren werden, ist es in dieser Entwicklungsphase wichtig, dass Mädchen wie Jungen sich erst einmal klar mit ihrer Geschlechtsrolle identifizieren. Da Frauen sich stereotypisch mit Schönheit und Männer mit körperlicher Stärke definieren, ist es in dieser Phase wichtig, dass Väter ihre Töchter in ihren weiblichen Eigenschaften bestätigen. Väter können ihren Töchtern kleine Aufmerksamkeiten machen und ihnen zeigen, wie schön sie sie finden. Im Blick des Vaters findet sie die Bestätigung, dass sie eine wunderbare Frau sein wird.

4. Pubertät: Erwachsenwerden durch das Entwachsen aus der Identifikation mit Vater und Mutter
Die Zeiten der grenzenlosen Bewunderung gehen jedoch vorbei. In der Pubertät bereitet sich der Jugendliche vor, die elterliche Sphäre zu verlassen. Er erlebt zum ersten Mal Zweifel an der väterlichen Autorität. Er beginnt, den Vater auf seine Glaubwürdigkeit zu hinterfragen. Hier muss sich ein Vater in seiner Authentizität bewähren. Kann er Kritik aushalten? Wie geht er mit Anzweiflungen um? Flippt er aus oder bleibt er stoisch unberührt? Wenn er ausflippt, verliert er seine Fassung und Autorität. Bleibt er stoisch cool, ist er für den Jugendlichen nicht berührbar.
Beide leiden in dieser Zeit entsetzlich. Die gegenseitige Idealisierung, die in der Kindheit so wunderbar war, zerbricht. Der Riese von einem Vater schrumpft zur Normalgröße. Das Kind wächst ihm über den Kopf und schaut auf einmal auf ihn herunter. Abstand entsteht zwischen beiden – Abstand, der nötig ist, damit das Kind sich aus dem Schatten des großen Vaters lösen kann. Dies ist eine notwendige Vorbereitung für die Lebensreise, auf die der Jugendliche bald aufbrechen wird.

Die Entdeckung der eigenen Sexualität
Für die meisten Jugendlichen ist Sexualität eines der wichtigsten Themen, wenn nicht das wichtigste Thema überhaupt. Intimität beginnt jedoch nicht erst mit der Pubertät. Intimes Verhalten lernen wir von frühester Kindheit an: Wie Eltern die Nähe zum Kind pflegen, wie sie es zärtlich ansprechen und behandeln ist eine natürliche Vorbereitung auf seine spätere sexuelle Begegnung mit einem Liebespartner. Entscheidend ist für ein Kind das Vorbild der Eltern: Die Sexualität der Eltern legt somit die Grundlage für die Art und Weise, wie ihre Kinder später als Erwachsene ihre eigene sexuelle Beziehung leben können.
Die meisten Kinder bekommen heute schon in der 5. oder 6. Schulklasse Aufklärungsunterricht. Im Sexualunterricht wird jedoch oft die emotionale Komponente einer Liebesbeziehung ausgespart. Dies ist etwas, was Eltern beisteuern können, wenn sie über ihre eigenen ersten sexuellen Phantasien und Begegnungen erzählen. Denn das ist es, was verliebte Jugendliche am stärksten bewegt: die innere Erregung, die Unsicherheit, die Scham, die Angst, zurückgewiesen zu werden. Dabei sollten Eltern auf das in der Pubertät stark ausgeprägte Schamgefühl der Jugendlichen Rücksicht nehmen. Sie können in angemessene Form über sich selbst sprechen, auch über ihre eigenen Schwierigkeiten im selben Alter.

5. Eltern als Vorbilder für eine gelingende Partnerschaft
Die Elternzeit bedeutet für viele Eltern eine schwere Belastung, auch für die Partnerschaft. Eltern, die an ihrer Beziehung arbeiten, sind ein gutes Vorbild für ihre Kinder. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass man als Paar und als Familie zusammenbleiben kann, selbst wenn der Sturm in einem und um einen tobt. Vater und Mutter sind daher das entscheidende Vorbild für die spätere Partnerschaft ihrer Kinder.

6. Der Vater als berufliches Vorbild
Für viele Menschen stellt der Vater das Vorbild für Beruf und Erfolg dar, bei Jungen wie bei Mädchen. Dies kommt wahrscheinlich daher, dass es bis heute meistens der Mann ist, der den Hauptverdiener in der Familie verkörpert. Ich vermute, dass sich dies verschieben wird, je mehr Frauen sich ins Berufsleben begeben und einflussreiche Positionen einnehmen werden.
Kinder nehmen ihre Väter meistens in ihrem Beruf wahr. Väter verabschieden sich früh morgens, um zur Arbeit zu gehen und kehren abends müde von der Arbeit zurück. Dadurch kristallisiert sich im Kind die Definition: Vater = Arbeit.
Die Arbeit des Vaters stellt auch die materielle Basis der Familie dar, besonders wenn er Allein- oder Hauptverdiener ist. Nicht nur das finanzielle Wohlergehen der Familie, auch ihr sozialer Status, ihre Wohngegend, ihr Bekannten- und Freundeskreis, ihre Hobbys, die schulische und spätere berufliche Zukunft der Kinder sind davon bestimmt.

Den Kontakt zum Vater wiederfinden
Wenn wir uns nun alle diese Funktionen eines Vaters anschauen, damit Kinder sich vollständig fühlen und gedeihen, dann sehen wir, wie wichtig jeder – ich betone: jeder – Vater ist. Jeder Mann, der seine Vaterschaft leugnet oder sich davon stiehlt, leidet unter der mangelnden Vaterliebe, die er selbst als Kind erfahren hat. Männer brauchen Halt und Verständnis, um sich diesen schmerzlichen und schambesetzten Erfahrungen in ihrem Leben zu stellen – einerseits. Andererseits darf dies jedoch nicht eine Entschuldigung sein, sich dauerhaft der eigenen Verantwortung als Partner und Vater zu entziehen. Es lohnt sich für alle drei – Vater, Mutter und Kind –, dass sich Väter und Mütter mit ihren eigenen Erfahrungen aus ihren Herkunftsfamilien auseinandersetzen.
Was können erwachsene Kinder tun, um ihren Vätern näher zu kommen?
Zum einen sollten wir ihn getrennt von der Mutter sehen, denn oft verstecken sich Väter hinter der Mutter, oder die Mutter lässt den Vater gar nicht zu Wort kommen. Daher sind Gespräche mit dem Vater ohne Beisein der Mutter so wichtig. Wenn wir den Vater dann endlich für uns haben, können wir unsere Beziehung mit ihm ansprechen, etwa dass wir uns von ihm ungerecht behandelt, ungeliebt oder übersehen fühlen, oder dass er uns misshandelt oder missbraucht hat. Es geht darum, die Verbindung zum eigenen Vater zu bereinigen und neu zu gestalten, damit wir selbst in unserem Leben besser weiterkommen, egal ob wir Kinder haben oder nicht. In meinem Buch habe ich viele Empfehlungen gegeben, wie wir dies tun können. Letztendlich geht es mir um die Wiedergewinnung der Vaterliebe und Mutterliebe in unserem Herzen, damit wir endlich wieder vollständig werden.

Foto: Victor Chu

Dr. med. Victor Chu
Arzt und Diplompsychologe, arbeitet als Psychotherapeut in der Nähe von Heidelberg.
Als Autor hat er bisher 10 Bücher zu psychologischen Themen veröffentlicht und bietet Seminare an.
www.vchu.de

 

Buchtipp:
Dr. med. Victor Chu
Vaterliebe
320 Seiten, 1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-608-98063-9
Verlag Klett-Cotta

cover vaterliebe

 

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