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Die osteopathische Selbstbehandlung

Von Thomas Seebeck

portrait seebeck
Gesundheit zu finden sollte das Ziel des Osteopathen sein, Kranheit kann jeder finden.
A. T. Stiller, Begründer der Osteopathie

Nachfolgend ein Auszug aus dem Selbsthilfe-Buch von Thomas Seebeck:
 
Setzen Sie sich aufrecht und entspannt auf einen Stuhl oder Hocker. Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und spüren Sie, wie die Luft durch Ihre Nasenlöcher strömt.
Nehmen Sie dies genau wahr: strömt mehr Luft durch das rechte oder das linke Nasenloch oder ist kein Unterschied spürbar? Können Sie spüren, dass die Ausatemluft sich wärmer anfühlt als die Einatemluft?
Jetzt wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit zu Ihrem Rumpf und der Wirbelsäule. Können Sie wahrnehmen, dass mit der Atmung auch eine kleine Bewegung des Rumpfes und der Wirbelsäule verbunden ist? Bei der Einatmung streckt sich die Wirbelsäule ein wenig, bei der Ausatmung sinkt sie wieder etwas in sich zusammen. Wenn Sie dies wahrnehmen können, sind Sie fit für die Selbstbehandlung – denn dafür benötigen Sie nicht mehr, als das Gespür für Atem und Bewegung.

Ihre erste
osteopathische Selbstbehandlung
In der Einleitung bat ich Sie zu spüren, dass mit der Einatmung eine leichte Streckung und mit der Ausatmung eine leichte Beugung der Wirbelsäule verbunden ist. Versuchen Sie nun bitte herauszufinden, welche Bewegungsrichtung Ihnen angenehmer ist. Wenn Sie dies bei der sehr kleinen Bewegung nicht genau spüren können, machen Sie die Bewegung einfach größer. Denken Sie aber bitte daran, dass Sie nach der größtmöglichen Entspannung suchen – wenn Sie sich zu weit in die angenehmere Richtung bewegen, kommt es wieder zu einer Spannungszunahme.

seebeck test ja

Testen in der Ja-Ebene:
Neutral – Beugung – Streckung

Test
Beugen Sie sich nur so weit, wie es angenehm ist. Achten Sie auch auf das Gefühl beim Zurückkehren in die Neutralposition – wenn dieses unangenehm ist, haben Sie sich schon zu weit bewegt!
Beim Strecken kommen Sie natürlich viel schneller an eine Bewegungsgrenze (Barriere), trotzdem kann dies die angenehmere Bewegungsrichtung sein, wenn Sie sich vorsichtig und achtsam bewegen.
Wenn Sie herausgefunden haben, welche der beiden Richtungen Ihnen angenehmer ist, verbinden Sie diese Bewegung mit der Atmung. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten.
Ist Ihre angenehmere Bewegung die Streckung, dann atmen Sie zunächst ein, während Sie sich in die angenehme Position bewegen und aus, wenn Sie wieder in die Neutralposition zurückkehren. Dann kommt die umgekehrte Atemphase: Sie atmen aus, während Sie in die Streckung gehen und wieder ein beim Zurückkehren in die Neutralposition. Welche Kombination fühlt sich besser an? Sollten Sie keinen Unterschied spüren, wählen Sie zum Üben einfach frei nach Gefühl.
Ist Ihre angenehmere Bewegung die Beugung, dann atmen Sie ein, während Sie sich in die Beugung bewegen und aus, wenn Sie wieder zurückkehren. Dann umgekehrt: Sie atmen während der Beugungsbewegung aus und beim Zurückkehren in die Neutralposition wieder ein. Welche Kombination fühlt sich besser an?

Übung
Wiederholen Sie nun Ihre „Wohlfühlkombination“ aus Atmung und Bewegung für einige Atemzüge. Es ist sinnvoll, am Ende jeder Ein- und Ausatmung eine kleine Pause zu machen – also Atmung und Bewegung gleichzeitig anzuhalten. Wie lang diese Pausen sind, hängt davon ab, was Sie als angenehm empfinden. Im Laufe der Zeit werden Sie den Impuls zum Weiteratmen immer besser spüren können. Nach zwei Minuten beenden Sie die Übung. Machen Sie eine kurze Pause, in der Sie vielleicht Ihre Schultern kurz bewegen oder sich etwas ausschütteln.

Retest
Überprüfen Sie zunächst die Bewegungsrichtung, die Sie geübt haben. Die Atmung spielt jetzt keine Rolle mehr. Diese Bewegung sollte sich zumindest nicht schlechter anfühlen. Dann testen Sie die andere Richtung. Können Sie eine Veränderung spüren? Normalerweise sollte diese Bewegung sich jetzt besser anfühlen als im Eingangstest. Wenn dem so ist – herzlichen Glückwunsch! Dann haben Sie Ihre erste osteopathische Selbstbehandlung erfolgreich durchgeführt.
Sollte sich keine Verbesserung eingestellt haben oder konnten Sie schon eingangs keinen Unterschied in den Bewegungen feststellen, brauchen Sie höchstwahrscheinlich eine andere Übungsrichtung. Das Übungsprinzip bleibt aber immer gleich.
Grundsätzlich gilt also: Immer, wenn Sie einen Unterschied spüren, üben Sie die bessere Möglichkeit. Das erscheint am Anfang vielleicht ungewohnt, wenn man es aber einmal verstanden hat und erfolgreich umsetzen konnte, wird es ganz leicht. Früher oder später werden Sie eine Übung finden, nach der Ihre Beschwerden plötzlich verschwunden sind. Von da an haben diese Übungen ein hohes Suchtpotential – nicht zuletzt, weil man plötzlich das Gefühl hat, die Verantwortung für die eigene Gesundheit ein Stück weit zurück in die eigenen Hände bekommen zu haben und sofort etwas tun zu können, wenn es mal wieder irgendwo zwackt!
Wichtig für den Erfolg ist, dass Sie mit Achtsamkeit üben, also mit Ihren Gedanken und Ihrem Herzen ganz bei der Übung sind!

Die drei Bewegungsebenen
Das Testen der Bewegungen wird immer auf der Basis der drei Grundebenen des Raumes bzw. des Körpers durchgeführt. Die „Ja-Ebene“ (Sagittalebene) beschreibt Beuge- und Streckbewegungen wie z.B. das Kopfnicken. Die „Nein-Ebene“ (Horizontalebene) beschreibt horizontale Drehbewegungen wie beim Kopfschütteln. Die „Vielleicht-Ebene“ (Frontalebene) beschreibt Seitwärtsbewegungen wie z.B. beim Neigen des Kopfes nach links und rechts.

seebeck test nein

seebeck test vielleicht

Oben die Nein-Ebene und darunter die Vielleicht-Ebene

Der Übungsablauf im Überblick:

Test
Testen der Bewegung: welche ist die angenehmere Richtung?
Testen der Atmung: Wie passt die Atmung am besten zur angenehmeren Bewegungsrichtung: Fühlt es sich angenehmer an, wenn Sie sich beim Einatmen in die bessere Richtung bewegen und beim Ausatmen in die Mitte zurückkehren oder wenn Sie sich beim Ausatmen in die bessere Richtung bewegen und beim Einatmen zurück?

Übung
Wiederholen der „Wohlfühlkombination“ aus Atmung und Bewegung für einige Atemzüge oder Minuten. Am Ende jeder Ein- und Ausatmung werden Atmung und Bewegung gleichzeitig angehalten.

Retest
Nochmaliges Testen der Bewegung zunächst zur besseren, dann zur schlechteren Seite. Wahrnehmen von Veränderung gegenüber dem Eingangstest.

Folgend ein paar Übungen.

Sehstörungen – Augenmuskulatur
Schwindel

Test
Testen Sie die Blickrichtungen

links / rechts
oben / unten
schräg links oben / schräg rechts oben
schräg links unten / schräg rechts unten

seebeck blickrichtungen

Welche Blickrichtung fühlt sich am angenehmsten an?

Wenn Sie direkt spüren können, welche der acht Blickrichtungen Ihnen am angenehmsten ist, dann ist diese Ihre Übungsbewegung. Ist dies nicht klar, üben Sie mit der Gegenrichtung der am wenigsten angenehmen Blickrichtung. Blicken Sie nun mit der Einatmung in Ihre Übungsrichtung und kehren Sie mit der Ausatmung in die Mitte zurück. Dann verfahren Sie umgekehrt: bewegen Sie die Augen mit der Ausatmung in die angenehme Blickrichtung und kehren Sie mit der Einatmung zurück.

Übung
Üben Sie die Variante, die Ihnen einfacher oder angenehmer erscheint. Achten Sie darauf, dass die Geschwindigkeit der Augenbewegung an das Atemtempo angeglichen ist. Dies erfordert einige Aufmerksamkeit, da man tendenziell die Augen viel schneller bewegt als der Atem fließt. Üben Sie für etwa eine Minute – die Augenmuskeln verändern Ihre Spannung relativ schnell, so dass Sie nicht allzu lange üben müssen.

Retest
Schließen Sie Ihre Augen für einige Sekunden, dann testen Sie die Blickrichtungen nach.

Nackenbeschwerden mit
Ausstrahlung in den Kopf
Die Halswirbelsäule ist ein Schmerzbereich, dessen Ursache oft ganz woanders liegt. Für unseren Körper ist es außerordentlich wichtig, dass der Augenhorizont im Lot ist. Gerät er durch eine Beckenfehlstellung in Schieflage, nimmt die Halswirbelsäule automatisch einen Ausgleich vor, der zu Beschwerden führen kann. Sollten Störungen im Bereich der Halswirbelsäule immer wieder auftreten und die Übungen keine dauerhafte Linderung bringen, achten Sie bitte darauf, in welcher Körperregion Sie noch Beschwerden haben (Beschwerdezwiebel!). Wenn Sie dann für die entsprechende Region die osteopathische Selbstbehandlung anwenden, sollten sich die Halswirbelsäulenbeschwerden ebenfalls bessern.

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Für die Luftballon- / Bleigewicht-Übung brauchen Sie etwas Vorstellungskraft

Test
Setzen Sie sich aufrecht und entspannt auf einen Stuhl oder Hocker. Achten Sie auf Ihre Aufrichtung, evtl. sollten Sie Ihre Brustbeinspitze 1-2 cm nach oben anheben, um Ihren Kopf besser auf Ihrer Halswirbelsäule balancieren zu können (wie einen Ball auf einem senkrechten Stab). Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf wird leicht und möchte wie ein mit Helium gefüllter Ballon nach oben schweben.
Dann stellen Sie sich vor, wie Ihr Kopf bleischwer wird und die Wirbelsäule unter diesem Gewicht zusammensinkt. Testen Sie beide Richtungen ohne Voreingenommenheit: Manchmal ist der “bleischwere Kopf” angenehmer, obwohl der “leichte Kopf” besser klingt.
Wenn Sie die angenehmere Richtung gefunden haben, verbinden Sie sie mit der Atmung. Lässt sie sich besser mit der Ein- oder Ausatemphase durchführen?

Übung
Führen Sie diese angenehmere Atem- und Bewegungskombination für ein bis zwei Minuten durch.

Retest
Testen Sie beide Bewegungsrichtungen nach und achten Sie auf Veränderungen.


Lendenwirbelsäulenbeschwerden

Beschwerden in der Lendenwirbelsäule sind oft besonders hartnäckig und neigen zur Chronifizierung. Wenn man Patienten fragt, wie lange die Beschwerden schon bestehen, bekommt man oft die Antwort „Rücken hatte ich schon immer“. Ein Grund dafür ist, dass oft übersehen wird, dass nicht eine Bewegungseinschränkung, sondern eine Überbeweglichkeit bzw. Instabilität besteht. Im Folgenden werden zunächst die Übungen bei Bewegungseinschränkungen dargestellt

seebeck lws

Nein-Ebene: Schiebt man ein Knie vor, so dreht sich das Becken in die entsprechende Richtung

Test
Setzen Sie sich aufrecht und entspannt auf einen Stuhl oder Hocker. Nun schieben Sie das rechte Knie ein bis drei Zentimeter nach vorne, so dass ihr Becken beginnt, sich zu drehen („Nein-Ebene“). Kehren Sie in die Ausgangsstellung zurück und testen Sie die gleiche Bewegung mit dem linken Knie. Haben Sie eine angenehmere Bewegungsrichtung gefunden? Dann brauchen Sie nur noch herauszufinden, zu welcher Atemphase die Bewegung besser passt.

Übung
Üben Sie die Atem- und Bewegungskombination für etwa zwei Minuten.

Retest
Testen Sie beide Bewegungen erneut und achten Sie auf Veränderungen.
Beim Üben in der „Ja-Ebene“, also beim Beugen und Strecken der Lendenwirbelsäule, ist es hilfreich, sich das Becken als eine randvoll mit Wasser gefüllte Schale vorzustellen. Bewegen Sie Ihr Becken nun so, als würden Sie etwas Wasser vorsichtig nach vorne bzw. nach hinten ausschütten. Beim Durchführen der Seitneigung drücken Sie einen Sitzbeinhöcker in die Unterlage und stellen sich vor, dass die Lendenwirbelsäule von vorne gesehen ein „C“ formt.

Wir danken dem Lotus-Press Verlag und dem
Autor für die Genehmigung zum Abdruck.
Fotos: ® Lotus-Press

Thomas Seebeck
Jahrgang 1971, ist seit 1995 Physiotherapeut und seit 2002 in eigener Praxis in Dinklage (Niedersachsen) niedergelassen. 2006 erwarb er das Diplom Osteopathische Therapie der Deutschen Gesellschaft für Osteopathische Medizin (DGOM e.V.), in der er seit 2008 auch als Lehrer tätig ist. Er ist Präsident der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Osteopathische Therapie (DAGOT e.V.) und Akademiemitglied der DGOM e.V. In seiner Freizeit beschäftigt er sich u.a. mit Musik, Klassischer Chinesischer Medizin und Qi-Gong und liebt Windsurfen. Zusammen mit seinem Bruder Andreas leitet er Achtsamkeitskurse.

Buchtipp:
Thomas Seebeck
Die osteopathische Selbstbehandlung
134 Seiten
ISBN 9783935367615
Verlag Lotus-Press

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