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Schamanische Rituale mit Pflanzen

Von Svenja Zuther

portrait zuther
In Pflanzen stecken faszinierend viele Stoffe, die wir Menschen gut gebrauchen können, wie etwa Fasern, Farbstoffe, Mineralien, Vitamine und viele heilkräftige Wirkstoffe. Pflanzen erfreuen unsere Sinne mit ihren Farben, Formen und Düften. Pflanzen versorgen uns gut! Noch viel faszinierender ist es, dass wir mit diesen Lebewesen in einen lebendigen Austausch treten und interessante, lehrreiche, liebevolle und heilsame Beziehungen aufbauen können!

Pflanzengeister
In schamanischen Kulturen gelten Pflanzen als göttliche Wesen, die dem Menschen Lehrer, Freunde und wichtige Verbündete sein können. In Nepal lernte ich einmal von einem Schamanen, dass sie keine Tinkturen aus Pflanzen herstellen: Wenn sie eine Pflanze für eine Heilung benötigen, dann verwenden sie sie frisch, direkt dafür geerntet und wenn diese zu der Zeit gerade nicht verfügbar ist, dann rufen sie halt den entsprechenden Pflanzengeist herbei!

Pflanzen mit Geschichte
In schamanischen Ritualen werden Pflanzen und Pflanzenteile vielfach aufgrund ihrer Bedeutung gebraucht. So wird in Nepal beispielsweise das Amlisau-Gras zu kleinen Besen gebunden, die der rituellen Reinigung der Wohnstätten und auch bei Krankheitsritualen dienen. In einer Legende heißt es, dass die bösen Hexen (die Schadenzauber üben) in einem Wettkampf den Schamanen (die Heilarbeit leisten) knapp unterliegen und aus Ärger darüber in dieses Gras beißen.
Beifusszweige stehen als Anker und Schutz auf dem Altar des Schamanen während seiner Reisen in die Anderswelt. Die Blätter des Beifuss sind oft geformt wie der Dreizack Shivas – ein Symbol für die drei Welten, in denen der Schamane unterwegs ist: Ober-, Mittel- und Unterwelt.

Auch hierzulande wurden, und werden noch immer, Pflanzen vielfach wegen ihrer Symbolkraft verwendet. Früher war es mit Sicherheit undenkbar, die Heilkraft einer Pflanze getrennt von ihrem ganzen Wesen und Charakter zu betrachten! Ein kolumbianischer Arzt, der viele Methoden der Amazonas-Indianer in seine Praxis integriert hat, erzählte mir einmal, dass die Indianer niemals mit einer Pflanze heilen würden, die „keine Geschichte“ hat! Wenn wir uns erinnern, welche Geschichten die bei uns verwendeten Pflanzen erzählen, eröffnen sich uns neue (alte) spannende Welten! Es tut gut, das, was getrennt wurde, wieder zusammen zu fügen und Pflanzen wieder mit mehr Bewusstheit zu erleben.

Immergrüne Pflanzen – Zeichen für das Rad des Lebens

zuther ilex

Ilex

Zu Weihnachten, dem alten Fest der Wintersonnenwende, sind immergrüne Pflanzen von großer Bedeutung für uns: Mistelzweige, Stechpalmensträußchen, Adventskränze und Weihnachtsbäume von Fichten oder Kiefern.
Seit altersher symbolisieren die immergrünen Pflanzen, dass das Rad des Lebens nie aufhört. Sie sprechen die Bitte und die Hoffnung aus, dass nach dem Winter wieder ein Frühling kommt, der einer entbehrungsreichen und kalten Zeit wieder Fülle, Lebensfreude und Wärme entgegensetzt. In ähnlicher Weise werden immergrüne Pflanzen, insbesondere in Form von Kränzen, gerne auf Friedhöfen verwendet. So kann ein ganzes Menschenleben in Entsprechung gesehen werden mit dem Jahreslauf und der Abfolge der Jahreszeiten: In einem ständigen Werden und Vergehen, zieht sich das Leben (im Winter oder im Alter) zurück und treibt (im Frühling oder in einer anderen Dimension) wieder neu aus … Dieses Denken in Entsprechungen (Analogiedenken) war unseren Vorfahren sehr geläufig. Es ist der Grundpfeiler des schamanisch-magischen Weltbildes, in dem alles mit allem verbunden ist.

Glücksbringer – Geschenke der Natur

fliegenpilz

Fliegenpilz

Zum Jahresbeginn, wie auch zu anderen Zeiten, sind vierblättrige Kleeblätter und Fliegenpilze gern gesehene Glückssymbole. Wer ein seltenes vierblättriges Kleeblatt findet, muss einfach ein „Glückspilz“ sein! Um das Glück zu halten, muss das Kleeblatt gut aufbewahrt werden.
Der Fliegenpilz ist mit seiner psychoaktiven Wirkung ein Zauberpilz der schamanischen Heiler Eurasiens. Allein seine lustige, wichtelhafte Erscheinung zaubert oft Freude und Fröhlichkeit in die Gesichter der Menschen. Seine Farbsymbolik ist bestechend. In vielen Kulturen der Erde werden weiß und rot als heilige Farben verehrt: Rot ist die Farbe des „Lebenssaftes“ Blut und natürlich auch Zeichen des Leben spendenden Zyklus der Frau. Die Farbe Weiß steht in Verbindung mit Licht, mit dem Himmel, mit dem Geistigen, auch mit dem Sperma – und so bringen weiß und rot in Gemeinschaft neues Leben hervor.
In Zeiten als die wachsende Bevölkerung der Erde noch kein problematisches Thema war, war die Fruchtbarkeit von Mensch, Tier und Pflanzen der Garant für das Fortbestehen des eigenen Lebens und der Sippe. Die Fruchtbarkeit wurde geschätzt und verehrt.

Frühlingspflanzen
gesunde Zauberpflanzen

brennessel

Brennnessel

Die ersten Frühlingspflanzen waren unseren Vorfahren besonders heilig. Sie verkörpern die Macht, die Winterstarre zu brechen und wurden als Teil des Frühlingszaubers der Natur gesehen: Alles verwandelt sich schnell in einen Zustand von mehr Lebendigkeit, Wärme, Licht und Freude. Kein Wunder, dass man diesen Pflanzen besonders große Heilkräfte zusprach!
Insbesondere Gundermann und Spitzwegerich mit ihrem merkuriellen Charakter galten als zauberkräftige Heilmittel und durften in keiner Neun-Kräuter-Suppe fehlen, ebenso wenig wie die Brennnessel mit ihrer feurigen, durchblutungsfördernden und anregenden Kraft. Der Verzehr von Frühlingskultspeisen wie Suppen und Soßen aus neun oder sieben Frühlingskräutern oder auch Salaten, Pfannkuchen und Rührei mit Wildkräutern war nicht nur reinigend, stoffwechselanregend, stärkend und vitalisierend  durch die vielen wertvollen Mineralien, ätherischen Öle, Vitamine etc., sondern galt auch als Abwehrzauber: Durch das Einverleiben dieser heiligen Geschenke der Natur sollten die Menschen das ganze Jahr über vor Krankheiten und anderem Unheil beschützt sein.
So heißt es etwa: Wer die ersten drei Gänseblümchen, die er im Frühling findet, isst, der bleibt das ganze Jahr über vor Fieber und Zahnschmerzen verschont. Dafür darf das Gänseblümchen allerdings nicht gepflückt werden, sondern muss direkt von der Wiese abgebissen werden.

Magische Abwehrkraft

weissdorn

Weißdorn

Allgemein gelten Pflanzen mit besonderer Wehrhaftigkeit wie Brennnessel und Weißdorn sowie Pflanzen, die besonders stark riechen wie Baldrian als magisches Apotropaion, als Mittel zur Abwehr negativer Kräfte und bösen Zaubers. Man steckte die Zweige solcher Pflanzen in die Fensterläden, hing sie den kleinen Kindern über die Wiege oder gebrauchte die Wurzeln als schutzbringendes Amulett.
Auch Pflanzen, die dem Menschen ganz besonders wohlgesonnen sind, wurden seit jeher für den Schutz vor Krankheit und Unheil verwendet. Ein Beispiel hierfür ist die Birke. Dieser schöne Baum stellt dem Menschen so vieles zur Verfügung: Feuerholz, das besonders gut brennt, Rinde, die sich als Schreibpapier, zur Herstellung von Gefäßen, Kochtöpfen, Kanus und Dachschindeln eignet, Birkenpech, der als Klebstoff verwendet werden kann, desinfizierende Räucherstoffe (Rinde, Samen), verschiedene Heilmittel, Birkensaft und sogar Nahrung in Form der Blätter und bestimmter Teile der Rinde.
Zur Walpurgisnacht wurden große Birkenzweige vor die Stalltüren gestellt. Man glaubte, dass die vorbeifliegenden Hexen einem Zählzwang unterlägen und all die vielen kleinen Blätter zählen müssten, so könnten sie keinen Schadenszauber ausüben. Besen aus Birkenreisern wurden besonders gern zur Reinigung von Haus und Hof verwendet. Damit wurde nicht nur Staub und Schmutz gefegt, sondern auch Unsichtbares, was dem Wohlergehen nicht förderlich ist, hinausbefördert. Wenn man mit einem Besen die Felder umreitet oder Besen in die Ecken der Felder aufstellt, soll dies einen Schutz vor Ungeziefer bieten und das gute Gedeihen der Nahrungspflanzen fördern. Auch Heilrituale an Mensch und Tier wurden mit Birkenbesen durchgeführt.

„Durch unser Wirken in Raum und Zeit wirken wir die Wirklichkeit!“
Schamanische Rituale mit Pflanzen wieder zu beleben, bringt unsere Lebensgemeinschaft mit den Pflanzen auf diese Erde wieder in Erinnerung und bekräftigt unsere freundschaftliche Verbundenheit. Bei Pflanzen mit denen wir besonders tiefe freundschaftliche Beziehungen pflegen, gesellt sich zu der sichtbaren Symbolkraft der Pflanze die unsichtbare Kraft des Pflanzengeistes. Wenn diese Zauberkraft der Pflanzen uns in Heilungsritualen unterstützt, werden ganz neue Dimensionen der Pflanzenheilkunde möglich! Doch auch im Alltag können wir so viel Freude und Kraft in unser Leben bringen.
•    Wenn der Gang in den Garten zu einem Treffen mit unseren weisen Pflanzenfreunden wird …
•    Wenn der Spaziergang im Wald uns in Dankbarkeit verbindet mit der Quelle des Lebens …
•    Wenn die Beobachtung der Natur uns zeigt, wie Leben auch sein kann und uns die Mysterien des Lebens offenbart …
•    Wenn der Blumenstrauß in der Vase nicht nur hübsch aussieht, sondern die Pflanzen uns auch „ihre Geschichten erzählen“ …
•    Wenn der Spitzwegerichsaft nicht nur gegen Husten wirkt, sondern auch die Kraft eine Heilkobolds vermittelt, den unsere Vorfahren „König des Weges“ genannt haben …
•    Wenn die Weissdorntinktur nicht nur das organische Herz stärkt und belebt, sondern uns auch Schutzräume vermittelt, in denen verletzte Gefühle sich wieder regenerieren können …
… dann sind wir Teil einer wundervollen magischen Welt, die kein Fantasy-Film ist, sondern unsere Wirklichkeit!

Fotos: Zuther / Kwiatkowski Verlag

Svenja Zuther
ist Diplom-Biologin, Heilpraktikerin und Autorin. 2006 gründete sie in Bohndorf bei Lüneburg die Naturheilpraxis und Seminarorganisation KUDRA NaturBewusstSein mit den Themenschwerpunkten: Pflanzenheilkunde, Schamanismus, Natur-Achtsamkeit, spirituelle Naturerfahrung. Die Expertin für ganzheitliche Pflanzenheilkunde hält Vorträge, leitet Seminare und Rituale.
www.kudra.net, post@kudra.net, Tel.: 05807-989680

Bücher der Autorin:

Svenja Zuther:
Schamanische Rituale
blv-Verlag, 2015

Svenja Zuther:
Die Sprache der Pflanzenwelt
Begegnungen mit der Pflanzenseele, Signaturenlehre, ganzheitliche Pflanzenheilkunde.
AT-Verlag, 2014