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Emotionale Heilung durch Tian Tao Yoga

Von Julia Kant

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Dass seelische Probleme in vielen Fällen einen maßgeblichen Anteil an körperlichen Symptomen haben, ist weithin bekannt. Bis sich ungeheilte Themen im emotionalen Bereich allerdings auf der physischen Ebene als Krankheiten manifestieren, vergeht oft viel Zeit.

Das feinstoffliche Energiesystem reagiert auf diese Disharmonien sehr viel schneller und wird schon zu einem frühen Zeitpunkt Hinweise geben, welche helfen können rechtzeitig zu reagieren und Dinge zu verändern. Auf welche Weise Emotionen und energetische Veränderungen des Körpers und ganz spezifisch der Organe zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen, wurde in der traditionellen chinesischen Medizin ausführlich kartographiert. So sind die fünf Speicherorgane den fünf Hauptemotionen bzw. Geisteszuständen des Menschen zugeordnet. Die Niere wird zum Beispiel mit der Emotion Angst assoziiert, die Leber mit Ärger und die Lungen mit Trauer. Natürlich sind die Zusammenhänge wesentlich komplexer und schließen farbliche Zuordnungen, Elementeigenschaften, weitere Körperstrukturen sowie positive Qualitäten mit ein. Die Leber steht daher in ihrem ausgeglichenen Zustand für Kreativität und Entfaltung, die Lunge für Mut und Klarheit und die Niere für ein Gefühl von Sicherheit und Im-Fluss-Sein. Als vermittelnde Instanz zwischen der immateriellen und der materiellen Ebene fungiert das System der Energieleitbahnen, der Meridiane, und der sich darauf befindenden Akupunkturpunkte. Hier setzt unter anderem die Akupunktur an, um Blockaden im Energiefluss zu beseitigen.

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Die chinesische Kräuterlehre bedient sowohl die energetische als auch die bio-chemische Ebene und ist in ihrer Vielschichtigkeit eine Wissenschaft für sich. Als Königsdisziplin wird aber seit alters her die innere Alchemie angesehen, d.h. ein innerer psycho-energetischer Kultivierungsweg, der neben stiller Meditation in den meisten Fällen meditative Körperübungen beinhaltet. Die bekanntesten Vertreter sind Qigong und Tai Chi. Darüber hinaus gibt es weniger bekannte Disziplinen, die bis vor kurzem der Geheimhaltung unterlagen und nur in elitären Kreisen praktiziert wurden. Zu ihnen gehört Tian Tao Yoga.
In Hinblick auf die Harmonisierung der Emotionen ist es dank seiner Sanftheit und natürlichen „Flüssigkeit“ der Bewegungen besonders effektiv. Da die Herangehensweise auf tiefen intrinsischen Prinzipien beruht und das Fühlen im Tun und nicht das „Richtig-Machen“ betont, eröffnet sich ohne sonderliche Anstrengung schnell ein direkter Zugang zum Gefühlsbereich, der durch die balsamische Qualität der Übungen genährt, ja fast bemuttert wird. Dies ist ein allgemeiner, aber sehr wichtiger und noch über den konkreten Wirkungen auf spezifische Emotionen stehender Effekt.
Zu den wichtigen übergeordneten Prinzipien, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen balancieren, zählen auch die Kreisförmigkeit, die Langsamkeit und die Spontanität, welche ich im Folgenden näher beleuchten werde.

Kreisförmigkeit
Wenn die Bewegungen ganz natürlich auf kreisförmige Weise verbunden sind, wird mehr Flow generiert. Darüber hinaus entsteht ein Gefühl des Nicht-Endens und der Eckenlosigkeit der Bewegung; sie ist weich und fließend und folgt einem ebenmäßigen Tempo. Diese Qualität unterstützt die tiefe Entspannung von Körper und Geist und produziert ein Empfinden von Eigenhüllt-Sein und emotionaler Sicherheit.
Praktiziert man nun die in sich immer abgerundeten Bewegungen des Tian Tao Yogas stellt sich mit der Zeit noch ein weiteres Gefühl ein, nämlich das der ewigen Fortdauer, welche u.a. durch das Tai Chi Symbol ausgedrückt wird. Die Fortdauer kreisförmiger Bewegung spiegelt die taoistische Vorstellung, der Mensch sei selbst ein Kreis, ein kleines Universum innerhalb eines größeren Universums, ein Mikrokosmos innerhalb eines Makrokosmos.

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Der Kreis hält alle Gegensätze in Balance und schafft somit Harmonie, in der der Geist zentriert wird und Stille erfahren werden kann. Das Prinzip der „Stille innerhalb von Bewegung und Bewegung innerhalb von Stille“ verwirklicht sich erst durch zirkuläre Bewegung, denn sie bildet die Basis für dieses Wechselspiel.

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Langsamkeit
Leichtigkeit und Langsamkeit haben eine ähnliche Basis. Langsamkeit hilft uns die Beziehung zwischen Zeit, Raum und dem Bewegungsmuster bzw. der Form zu meistern, so dass wir vollständig bewusst werden und der Geist zentriert ist. Diese Bewusstheit entwickelt sich automatisch, weil mehr Zeit zur Verfügung steht, wenn die Bewegung langsam ausgeführt wird.
Durch Langsamkeit und Achtsamkeit beim Üben werden Geduld und ein authentisches Selbstvertrauen kultiviert. Obwohl die langsame Ausführung ein gewisses Maß an Kontrolle verlangt, ist sie doch ganz natürlich und gibt Zeit, Wege zum Loslassen zu finden. Darüber hinaus führt diese absichtliche Regulierung zu tieferer innerer Stille und vermindert Gereiztheit und Irritationen. Langsame Bewegung stimuliert Alpha-Wellen im Gehirn, was die Herzfrequenz verlangsamt, den Blutdruck ausgleicht, die mentale Koordination verbessert und den Selbstregulationsmechanismus des Körpers optimiert, indem es die Aktivität des sympathischen Nervensystems vermindert. Davon profitieren auch die Blutgefäße und die Nährstoff- und Sauerstoffversorgung der Zellen.

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Die mittels Langsamkeit entwickelte Bewusstheit hilft uns, die Wirklichkeit der Situation, in der wir uns befinden, zu erkennen und nach und nach Blockaden in unserem Denken aufzulösen.
Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass sich die besten Lösungen für Probleme oft in oder direkt nach der morgendlichen Übungspraxis zeigen.
Genau dieser Umstand hat es mir ermöglicht, den Weg zu den wahren Quellen des Tian Tao Yoga zu finden. Während des Übens hatte ich Eingebungen und wusste dann, welchen Spuren ich folgen musste und welche Menschen ich zu kontaktieren hatte. Wenn der Geist nicht durch persönliche Phantasien und Obsessionen gefärbt und bewölkt ist, offenbart sich die Lösung ganz natürlich.

Spontanität
Im Zusammenhang mit der im Stehen ausgeführten Übung zur Verjüngung der Wirbelsäule gibt es Phasen, in denen sich der Körper spontan aus einem inneren Impuls heraus bewegen darf. Diese nicht willentlich erzeugte Bewegung kann für Heilung auf einer tieferen Ebene sowie für die Energiekultivierung genutzt werden.
Man muss dafür nur zwei Grundvoraussetzungen erfüllen: erstens eine spezifische Körperhaltung einnehmen und zweitens trotz Aufrechterhaltung der Position, in einen Zustand völliger Entspannung gleiten, ohne etwas bezwecken zu wollen. Wenn dies gelingt und man sich durch Ungeduld nicht dazu verleiten lässt, vorschnell Bewegungen zu forcieren, wird der Moment kommen, an dem der Körper innerlich und äußerlich zu reagieren beginnt, äußerlich durch kleinere oder größere Bewegungen, die sich als Schaukeln, Schwanken, Zucken oder Dehnen bemerkbar machen können und innerlich durch Empfindungen von Wärme, Kribbeln, Strömen, manchmal auch Kälte und Wind oder einem Gefühl der Ausdehnung der Körperoberfläche.
Verbrauchte oder nicht förderliche Energien können in diesem Prozess über die Füße und Hände ausgeleitet werden, was manchmal auch an einer zeitweisen Veränderung der Hautfarbe erkennbar ist. Damit einhergehend werden oft angestaute Emotionen freigesetzt. Hier zeigt sich die enge Verbindung zwischen unseren Gefühlsinhalten und den normalerweise autonomen Funktionen des Körpers. Der Zugang lässt sich über Spontanbewegungen leicht herstellen, während die weitere Verarbeitung dann durch Fühlen, Annahme, wertungsfreie Wahrnehmung und Fließen lassen erfolgen kann. Ist eine gewisse Grundreinigung bereits erfolgt, werden die Bewegungen des Körpers mehr und mehr von einer Art übergeordneten Energiefluss getragen, der von anderen Seinsebenen zu stammen scheint.
Der Körper bewegt sich im Einklang mit der Bewegung des Himmels und der Himmelskörper sowie mit jenen Urkräften, die das Universum in jedem Moment neu erschaffen.

Transformationswerkzeug versus Droge
Tian Tao Yoga ist in seiner Wirkungsweise non-invasiv, d.h. die seelische Transformation wird nur initiiert, wenn die Persönlichkeit auf einer inneren Ebene wirklich dazu bereit ist. Da das Praktizieren ein starkes Gefühl von Zufriedenheit erzeugt, sollte man darauf achten, die Übungen nicht als eine Art Droge zu gebrauchen, um Situationen oder Umstände, die einer Änderung bedürfen, vor der man sich jedoch scheut, länger auszuhalten. Tatsächlich kann in unserem Leben fast alles zur Droge werden, selbst an sich positive Dinge und Tätigkeiten, wie z.B. spirituelle Praktiken. Lediglich unsere innere Motivation, die bestimmt, warum wir etwas tun, ist hier der entscheidende Faktor.
Ansonsten hilft die Tian Tao Praxis viele der kleinen und größeren Abhängigkeiten des Alltags einfach abzustreifen, wie z.B. übermäßigen Kaffeekonsum; auch die Raucherentwöhnung fällt leichter. Selbstverständlich heißt das nicht, dass andere psychologische Methoden überflüssig werden, hier kann vieles ineinandergreifen und sich gegenseitig unterstützen. In manchen Fällen ist der westliche Ansatz, der sich vorwiegend mit den meist frühkindlichen Ursachen von Problemen beschäftigt, notwendig; ebenso die Bearbeitung und Auflösung der tiefer liegenden Glaubenssätze.
Die Synthese der östlichen und westlichen Herangehensweise erlaubt eine wesentlich vollständigere Erfassung der menschlichen Psyche und verbessert so auch die Effektivität der angewandten Methoden.

Fotos: Julia Kant

Julia Kant
arbeitet als TianTao Yoga-Lehrerin, Redakteurin und spiritueller Coach in Berlin. 2008 wurde sie als ­erste Europäerin autorisiert, zen-buddhistisches Yoga der Langlebigkeit unter dem Namen Hsin Tao, einer amerikanisierten Variante der Ursprungstechniken zu unterrichten. Nachdem sie 2012 durch eine glückliche Fügung in direkten Kontakt mit dem chinesischen Großmeister und seiner Meisterschülerin kam, glich sie die Übungen an die Lehren der authentischen Schule des Großmeisters an und vervollständigte sie. Seither lehrt Julia Kant die Methode unter dem Namen TianTao Yoga, einem eigenständigen Format, das die einstmals geheimen Techniken aus den Tempeln Chinas in Klarheit und ohne künstliche Mystifzierung vermittelt.
Tel.: 030 - 84 31 97 57
www.juliakant.de www.tiantao-yoga.de