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Ökodörfer und Lebensgemeinschaften weltweit

Von Leila Dregger

ecohousesbagend1 copyright Findhorn Foundation

Findhorn in Schottland ist wohl das bekannteste und älteste Ökodorf, es ist auch der Gründungsort des Global Ecovillage Network.
Foto: Findhorn Archiv

Eine stille Revolution geschieht derzeit auf unserem Planeten. Abseits der großen Zentren, in Dörfern und Stadtteilen, schließen sich Bürger und Bürgerinnen zusammen und übernehmen Verantwortung für ihre Umgebung, für die Natur, die sie umgibt, für ihr soziales, ökonomisches und ökologisches Handeln. In Wohnzimmern, Kneipen oder Küchen werden Ideen und Initiativen geboren, die praktisch und direkt CO2-Emissionen senken, Gemeinden wiederbeleben und Job-Perspektiven schaffen.

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Erdbebensicheres Bauen mit Lehm wird z.B. im Kibbutz Lotan gelehrt, aber auch im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt.
Foto: Archiv Lotan

Vielfach in Eigeninitiative entstehen gemeindegetragene Landwirtschaftsbetriebe und Stadtteilzentren, Saatgut-Märkte und urbane Permakulturen, Tauschringe und lokale Währungen, kollektive Photovoltaikanlagen und freie Schulen, selbstverwaltete Dorf-Banken mit Mikrokrediten – und vieles mehr. Viele dieser Initiativen werden inspiriert durch das Beispiel von Ökodörfern und von ihnen ganz konkret mit Know-How unterstützt.
„Ökodörfer kann man mit Joghurtkulturen vergleichen“, sagte Jonathan Dawson, früherer Präsident des Global Ecovillage Networks. „Eine kleine, dichte und reichhaltige Konzentration an Aktivitäten, deren Hauptziel es ist, die Umwelt, die sie umgibt, zu verändern.”
GEN definiert Ökodörfer so: „Ökodörfer sind gewachsene Dorfgemeinschaften oder Lebensgemeinschaften, die durch bewusste Mitwirkung all ihrer BewohnerInnen gestaltet werden. Ein Ökodorf verbessert die Lebensqualität der Menschen und trägt gleichzeitig dazu bei, die umliegende Natur nicht nur zu schützen, sondern sogar zu regenerieren. Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Wirtschaft, Soziales und Kultur – sind zu einem ganzheitlichen Ansatz integriert.“
Ökodörfer und Gemeinschaften zeigen ganz praktisch, dass ein ökologisch und sozial nachhaltiges Leben ein Gewinn an Lebensqualität bedeuten kann. Durch ihr Beispiel wird deutlich: Der ökologische Fußabdruck kann signifikant reduziert werden; die Wiederbelebung regionaler Wirtschafts- und Energiekreisläufe ist möglich – und ein wichtiges Gegengewicht zur Globalisierung. Ökodörfer bereichern Regionen mit ökologischen Unternehmen, Arbeitsplätzen und kulturellen Angeboten und machen sie so auch für Familien wieder attraktiv. Sie sind damit ein aktiver Beitrag gegen den demographischen Wandel.
Ökodörfer und Gemeinschaften weltweit verbinden modernes und traditionelles Wissen mit nachhaltigen und innovativen Ansätzen in Landwirtschaft, Energie- und Ressourcenversorgung, Wasser- und Abfallmanagement, Architektur und sozialen, partizipativen Prozessen. Sie sind ein entscheidender gesellschaftlicher Beitrag, um für globale Probleme neue, lokale Lösungen zu entwickeln.

Lichtblicke einer globalen Bewegung:
Wussten Sie schon,

  • dass der ökologische Fußabdruck des schottischen Ökodorfes Findhorn halb so groß ist wie der Durchschnitt in Großbritannien?
  • dass die Regierung Senegals beschlossen hat, 14.000 traditionelle Dörfer auf ihrem Weg zu Ökodörfern zu unterstützen?
  • dass Damanhur in Italien eine eigene Währung entwickelt hat?
  • dass das Ecovalley Projekt in Ungarn 100%ige Selbstversorgung, engagierte Sozialarbeit im ganzen Land und ein religiöses Leben verbindet?
  • dass das erste Ökodorf in Holland, Ecodorp Bergen, auf einem ehemaligen Militärgelände entsteht?
  • dass sich in Kolumbien Indianer, Flüchtlinge und Kleinbauern zu Friedensgemeinden zusammenschließen, in denen keine Waffen, keine Gewalt und kein Alkohol erlaubt sind und die so der Gewalt im Land entgegen wirken?
  • dass die Ökodorfbewegung in Lateinamerika tatsächlich „in Bewegung“ ist: Öko-Karawanen – EcoCaravanas – mit Bussen, Pferden, Fahrrädern und zu Fuß unterrichten Dorfbewohner über ökologische Techniken?
  • dass Auroville von der Regierung Indiens beauftragt wurde, einen nachhaltigen Entwicklungsplan für ihre ganze Region zu erstellen?
  • dass die Regierung der Chiang Mai Provinz im Norden Thailands sich entschlossen hat, mit Ecovillage Transition die gesamte Region in eine Ökoregion zu verwandeln?

solar und kinder

Kochen mit Solarenergie – hier in Tamera/Portugal – ist kinderleicht und ein Beitrag gegen Entwaldung und CO2-Ausstoß.
Foto: Alec Gagneux

Das Wissen und der Beitrag von Ökodörfern für eine nachhaltige Lebensweise lässt sich in vier Schlüsselbereiche aufteilen, die so genannten Dimensionen der Nachhaltigkeit.
Die kulturelle Dimension:
Weltsicht, Werte, Verantwortung – bei aller Vielfalt der Ökodörfer gibt es in ihrer Kultur und Weltanschauung einen gemeinsamen Wert: Die Verantwortung und den aktiven Einsatz für die Erde.

Die ökologische Dimension:
Ökodörfer zeigen: Wasser, Nahrung, Energie und Baustoffe können ausreichend in gesunden, regionalen Kreisläufen gewonnen werden – ohne Verzicht auf Lebensqualität.
Die soziale Dimension:
Gemeinschaft und die Kunst des Zusammenlebens gehören zur Kermkompetenz von Ökodörfern.
Die ökonomische Dimension:
Fair, gerecht, solidarisch, durchschaubar und zinsfrei – das sind die Merkmale einer nachhaltigen Wirtschaftsweise. Ökodörfer können dafür lokale Modelle sein.

Einige Beispiele für Ökodörfer:

Findhorn, Schottland
Die Findhorn Foundation in Schottland, gegründet 1962, hat heute über 400 Mitglieder. Es ist ein Ökodorf und internationales Zentrum für ganzheitliches Lernen. Die Gründungsprinzipien der Findhorn Foundation und Gemeinschaft sind:
• Tiefes, inneres Zuhören und Handeln aus dieser Quelle der Weisheit.
• Kooperation mit der Intelligenz der Natur.
• Dienst an der Welt.
Mehr: www.findhorn.org

Sieben Linden, Deutschland
Das Ökodorf in der Altmark mit rund 100 Erwachsenen und 40 Kindern versteht sich als sozial-ökologisches Modellprojekt. Einige Prinzipien:
•    Baukriterien mit strengem ökologischen Standard – Niedrigenergie- und Passivhäuser
•    Heizen mit Solarenergie und Holz
•    Photovoltaik-Anlagen decken einen Großteil des Stromverbrauchs
•    ökologischer Gartenbau – ca. 70% Selbstversorgung mit Gemüse und Obst
•    geschlossener Wasserkreislauf: eigene Brunnen und Pflanzenkläranlage
Mehr: www.siebenlinden.de

Kibbutz Lotan, Israel – Der Reform-Kibbutz Lotan wurde 1983 von jungen Israelis und Amerikanern gegründet. Rund 150 Menschen leben hier von Landwirtschaft, Ökotourismus und Seminarangeboten. Das gemeinschaftseigene Zentrum für kreative Ökologie ist eine Forschungs- und Ausbildungseinrichtung für Permakultur, alternatives Bauen und nachhaltige Technologien.
Mehr: www.kibbutzlotan.org

Schloss Tempelhof, Deutschland – Seit September 2010 gedeiht im schwäbischen Hohenlohe die Gemeinschaft und Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof auf 32 Hektar, mit über 80 Erwachsenen und fast 30 Kindern. Sie betreibt einen Waldkindergarten, eine freie Schule, einen Seminarbetrieb mit Gästehaus, Tischlerei, Baubetrieb, Gärtnerei und Landwirtschaft und eine Bauwagenmanufaktur. Mehr: www.schloss-tempelhof.de

Tamera, Portugal – Die Friedensforschungsgemeinschaft Tamera mit 150 BewohnerInnen wurde 1995 gegründet: als Modell für eine Kultur, die in allen Bereichen auf Vertrauen und Kontakt beruht.
Durch die Permakultur-Wasserlandschaft konnte das von Wüstenbildung bedrohte Gelände in ein Nahrungsmittelbiotop verwandelt werden. Die ethischen Richtlinien der Tamera-Gemeinschaft sind gegenseitige Unterstützung, Wahrheit untereinander und verantwortliche Teilnahme an der Gemeinschaft.
Mehr: www.tamera.org

Damanhur, Italien – Die Föderation von Damanhur ist eine spirituelle Gemeinschaft in Nord-Italien. Vor über 30 Jahren gegründet, erstreckt sie sich über mehrere Dörfer, hat rund 1500 BürgerInnen und ist bekannt für ihren unterirdischen Tempel. Sie hat eine eigene Währung, den Credito.
Mehr: www.damanhur.it

kinder und kuerbis

In Afrika hilft der Ansatz von Ökodörfern gegen Hunger, Entwaldung und Armut.
Foto: Philip Munyasia

Das Global Ecovillage Network
GEN verbindet rund 10.000 Gemeinschaften aus aller Welt und vernetzt sie mit Akteuren aus der Nachhaltigkeitsbewegung in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Projekte des globalen Nordens und Südens bilden eine gemeinsame Bewegung des gegenseitigen Lernens und Lehrens. Permakultur, Solarenergie, natürliches Wassermanagement und Bauen mit regionalen Rohstoffen sowie soziales Wissen um Entscheidungsfindung, Stärkung der Frauen und Konfliktlösung sind im globalen Norden eine Verbesserung der Lebensqualität. In Krisengebieten können sie über das Überleben entscheiden.
In jeder Großregion der Erde – Afrika, Europa, Nordamerika, Lateinamerika sowie Ozeanien/Australien haben sich Ökodörfer zu Netzwerken zusammengeschlossen, organisieren Austausch, Ausbildung und Wissenstransfer. Techniken, die in den wohlhabenderen Ländern eine größere Lebensqualität ermöglichen, können im globalen Süden Leben retten. In Kolumbien schützt der Zusammenschluss von Bauern zu Friedens- und Ökodörfern vor Krieg und Gewalt. In Afrika arbeiten Ökodörfer mit den Mitteln von Permakultur und regionalem Anbau für Lebensmittelautonomie. In Bangladesh erproben Ökodörfer lokale Hilfsmittel gegen Überschwemmungen und Armut. Auch in China, Palästina, in der Türkei und sogar im Iran gibt es Ökodorf-Initiativen. Die Regierung von Senegal hat den Nutzen von Ökodörfern für ihr Land erkannt: das Umweltministerium formulierte im August 2008 das Ziel, jedes zweite Dorf bei der Umwandlung zum Ökodorf zu unterstützen. Das wären 14.000 Dörfer. Im gleichen Zug änderte das Umweltministerium seinen Namen in Ministerium für Ökodörfer und nachhaltige Entwicklung. Heute gibt es bereits rund 100 Ökodörfer in Senegal.

www.gaiaeducation.net
GEN International: gen.ecovillage.org
GEN Deutschland: www.gen-deutschland.de

 

portrait leila

Leila Dregger
Ist Journalistin und Autorin.
Sie schreibt über Friedensprojekte und Friedensentwicklungen und lebt in Tamera, Portugal, und baut dort eine Schule für Friedensjournalismus auf.
leila.dregger@tamera.org
Buch: Ich bin noch nicht in Frieden – Auf den Spuren einer neuen Frauenkraft“ 2005, Meiga Verlag

Buchtipp:

cover oekodoerfer

Ökodörfer weltweit
lokale Lösungen für globale Probleme
Kosha Joubert und
Leila Dregger
Verlag Neue Erde
ISBN 978-3-89060-664-4


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