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Innerer und äußerer Frühjahrsputz
Interview mit Pyar

Geführt von Marlies Burghardt

portrait pyar

Passend zur Jahreszeit greift die spirituelle Lehrerin Pyar das Thema innere und äußere Reinigung auf. Sie geht dabei näher auf „De-Cluttering“ ein, das Entsorgen von Überflüssigem, und – ganz besonders – auf die Methode der tibetischen Meisterin Machig Lapdrön, die sich mit dem Loslassen unheilsamer Emotionen, Gedanken, Konditionierungen befasst.

Machig Lapdrön, die im 11. Jahrhundert lebte, nennt ihre Methode „Dämonen füttern“, wobei es darum geht, diese inneren Dämonen nicht zu leugnen oder zu bekämpfen, weil ihnen damit weitere Energie gegeben wird, sondern sie anzunehmen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Bei diesem Prozess, der sich aus mehreren Schritten zusammensetzt, wird die in alten Mustern gebundene Energie umgewandelt und schließlich aufgelöst, wodurch wieder Raum entsteht für Klarheit, Frieden, Mitgefühl.
Wer Pyar kennt, der weiß, dass sie auch äußerst komplexe Themen klar, prägnant und mit viel Humor, Wärme und Bodenständigkeit behandelt.

MB: Pyar, in diesem Frühjahr stellst du die tibetische Meisterin Machig Lapdrön in den Mittelpunkt. Was bedeutet sie für dich?
 
Pyar: Es gibt nicht viele weibliche tibetische Meisterinnen, die auch noch Schriften hinterlassen haben aus alter Zeit. Allein deshalb faszinierte mich die Gestalt von Machig Lapdrön immer schon. Sie lebte von 1055 bis 1145 nach Christus – wurde also 90 Jahre alt. Sie heiratete einen indischen Yogi und hatte mit ihm zwei Söhne und eine Tochter.
Zugleich war sie eine hochverwirklichte Meisterin, die eine eigene tiefgründige Methode entwickelte. Bereits als junges Mädchen war sie in der Lage tief zu meditieren, und als alte Frau schätzte sie sich glücklich, allen ihren Kindern eine eigene Übertragungslinie der Weisheit hinterlassen zu können. Sie war also beides – ganz Mensch und ganz Buddha. Und genau das fasziniert mich an ihr.

MB: Kannst du ein wenig zur Machig-Lapdrön-Methode sagen?

Pyar: Ihre Methode, die zu einer tiefen Transformation führt, nennt man in Tibet Chöd. Übersetzt heißt das entweder „Dämonen abschneiden“ oder „Dämonen füttern“. Mit Dämonen ist dabei nicht etwa eine böse von außen kommende Kraft gemeint, sondern eigene innere unheilsame Bewegungen des Geistes oder der Seele, wie z.B. Zorn, Neid und vor allem Hochmut. Natürlich können uns diese eigentlich inneren Dinge wie von außen kommend erscheinen (so ging es auch Machig selbst) als ob ein Drache uns bedrohe.

MB: Wer die Aussage „Dämonen füttern“ hört, der ist erst einmal überrascht, denn Dämonen füttert eigentlich niemand gern

Pyar: Das stimmt natürlich. Doch was sich da in uns wie ein Dämon gebärdet, ist in Wahrheit nur eine Fratze, eine Maske, über einer im Grunde positiven Kraft, die diese sich aufgesetzt hat, weil sie nicht gehört, nicht beachtet oder verletzt ist. Wenn wir also die Dämonen füttern, dann füttern wir eigentlich uns selbst und diese positiven klaren weisen Aspekte in uns. Wir können das aber zunächst nur, indem wir den Dämon füttern, denn das Dahinterliegende ist uns noch verborgen. Wir tun dies in tiefem Vertrauen auf unsere grundlegende Gutheit, in Mitgefühl und in dem Wissen, dass Nähren immer das Lebende fördert und nicht das Starre, Tote.

MB: Sehr interessant die Fragen, auf die Tsültrim Allione in ihrem Buch „Den Dämonen Nahrung geben“ eingeht. Den Dämon fragen: Was willst du? Was brauchst du? Äußerst aufschlussreich der Unterschied.

Pyar: Ja, die erste Frage an den Dämon ist: “Was willst du von mir?“ Und da ist die Antwort meist erschreckend. Vielleicht sagt er: „Ich will deine Kraft“ oder „ich will dein Leben“.
Wenn wir dann aber weiter fragen „Was brauchst du?“, wandelt sich die Antwort und das eigentliche Bedürfnis dieses Teiles in uns kommt zum Vorschein. Die Antwort kann dann lauten „Leichtigkeit“ oder „Freude“ oder vieles andere.
Wenn wir dann bereit sind uns selbst in das zu verwandeln, was da gebraucht wird und den Dämon damit zu füttern bis er satt ist, dann geschieht Verwandlung, Heilung, Erhellung und vor allem Integration. Wir müssen dann dieses als Böse oder gefährlich Erlebte nicht mehr nach außen projizieren, sondern es kommt nach Hause und erweist sich als eine grundlegende Weisheit, die aber erkrankt und verstellt war.
Hier kommt also Vertrauen, Mitgefühl und Weisheit zusammen. Und dann können wir auch weiterhin einen vertrauenden Abstand zu den alten unheilsamen Mustern und Konditionierungen in uns halten und sind ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert.

MB: Aber auch mit dieser Methode dürften sich über Jahrzehnte bestehende Vorstellungen, Konditionierungen, Emotionen wohl nur ganz langsam auflösen lassen.

Pyar: Manchmal geht es ganz schnell und manchmal dauert es lange. So ist das Leben. Und auch das ist eine wesentliche Botschaft von Machig: Wir müssen erst die Fakten, wie sie genau jetzt sind, als solche akzeptieren – einfach nur als Soheit der Dinge ohne Bewertung. Erst von diesem Boden aus kann Veränderung angegangen werden.

MB: Sehr amüsant greift Birgit Medele in ihrem Buch „Leben statt kleben“ das Thema Aufräumen, Entsorgen auf, das sie Clutter-Clearing nennt. Also weg mit „Gerümpel“ materieller und geistiger Art, um so Raum zu schaffen

Pyar: Auch ich bin gerade dabei, frühlingshaft Schubladen zu sortieren und Berge von Papier zu entsorgen. Dabei habe ich große Freude, denn es entstehen Räume, die neue Möglichkeiten und große Freiheit bringen, sie mit anderem zu füllen. Als ich neulich in dem De-Cluttering-Buch las, fand ich eine Überlegung, die mich faszinierte: Wenn wir Dinge entsorgen, die wir nicht mehr brauchen, sei es sehr wichtig, sich gleichzeitig vorzustellen und zu wünschen, womit sich der entstandene Raum füllen soll.Dabei wird vorgeschlagen, sich z.B. beim Aufräumen des Hausmedizinschränkchens Gesundheit zu wünschen, die dort einziehen möge. Wenn wir das nicht tun, dann füllen sich die entstandenen Räume ganz schnell wieder mit demselben, was zuvor da war.
Genauso ist es auch in unserem Innern. Wir räumen auf mit alten Vorstellungen und Konditionierungen, mit unheilsamen Emotionen und dummen Gedanken, erfreuen uns an dem entstandenen Raum der klaren Natur des Geistes … und dann – ganz flugs – sobald ein neuer Trigger auftaucht, sind wieder die alten Muster da. Und da kommt Machig rein, die uns lehrt, auch beim Auftauchen neuer Situationen einen vertrauenden Abstand zu den alten, gewohnten, gut geübten aber unheilsamen Konditionierungen aufrechtzuerhalten, so dass wir wirklich auf neue und freudigere, entspanntere, zuversichtlichere, mitfühlendere, klarere Art sein, reagieren und freier handeln können.

MB: Dankeschön für dieses Gespräch. Dann bleibt nur noch, allen Lesern guten „Frühjahrsputz“ zu wünschen!

Pyar – Dr. Franziska Rauch
wurde 1960 in Bayern geboren und erlebte eine christlich geprägte Kindheit. Ihre Eltern waren Naturwissenschaftler. Pyar studierte Medizin, promovierte und arbeitet als praktische Ärztin in eigener Praxis in München. Sie erwachte 1999, gibt seitdem Satsangs und Retreats und schreibt Bücher:
Reise ins Nichts – Geschichte eines Erwachens; Poesie der Stille – Tanz des Lebens; Bodhichitta – Das erwachte Herz – Das Sieben-Punkte-Geistestraining für Weisheit und Mitgefühl; Hütet das Feuer – Jesus als radikalen Weisheitslehrer entdecken; Satsang – die spirituelle Suche nach Wahrheit und Erkenntnis; WIR – Wege zur Verbundenheit.
Mehr zu Pyar: www.pyar.de                              

Foto: F. Rauch