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Afrika: Frauenprojekte gegen Landflucht

Das Beispiel von
Tiyeda Abalah aus Togo
Von Leila Dregger

portrait tiyeda

„Afrika wird selbständig, wenn die Intellektuellen des Kontinents sich wieder mit ihren Wurzeln verbinden. Wenn Akademiker, statt einen gut bezahlten Stadtjob anzunehmen, das Leben der Menschen in ihren Heimatdörfern teilen und verbessern.“

Tiyeda Abalah, 56, aus Togo zog vor fast dreißig Jahren nach ihrem Literaturstudium an der Pariser Sorbonne mit ihrem Mann Séda in dessen Heimatdorf Baga – damals ein sterbendes Kaff am Rande der Wüste, dessen Böden jedes Jahr weniger hervorbrachten und dessen Einwohner nach und nach das Dorf und ihre Heimat verließen. Inzwischen initiierten sie eine florierende Fraueninitiative, eine Graswurzel-Schule für organische Landwirtschaft und Ökonomie, Aufforstungs- und Wasserprojekte sowie eine Dorfbank – und haben damit dem Dorf wieder Leben und Wohlstand eingehaucht. Angesichts der massiven Landflucht des Kontinents, die jedes Jahr 17 Millionen Afrikaner in die Städte treibt, ein beachtliches Beispielprojekt – vor allem dafür, dass die Zukunft Afrikas in den Händen der Frauen liegt. Während des GEN (Global Ecovillage Network)-Afrika Kongresses wurde CIDAP (Centre International de Développement Agro-Pastoral) zum Ökodorf des Jahres gewählt.

Tiyeda Abalahs Temperament kann man sich kaum entziehen. Selbst nüchterne Fakten webt die zierliche Frau zu einem farbigen Erzählteppich. Kunstvoll moduliert sie ihre Stimme von ganz leise bis dröhnend laut und führt die gebannten Zuhörer unweigerlich zu ihren nachdrücklichen Schlussfolgerungen: Frauen können den Respekt der Männer gewinnen, wenn sie sich Wissen aneignen. Intellektuelle müssen sich ihre Wurzeln wiederfinden. Die Wüstenbildung lässt sich rückgängig machen. Wasser ist Leben.
Doch richtig in Fahrt kommt sie, wenn sie vor einem größeren Publikum spricht. Gebete, Trillern, sogar Tanzeinlagen begleiten ihre Geschichten aus dreißig Jahren Dorfleben in Baga – zum Beispiel die, wo fünfzig Frauen das Büro des Bürgermeisters blockiert haben, bis er nachgab und die Erlaubnis für die Marktstände ausstellte; – oder die, wo sie gemeinsam das Fahrrad des Lehrers wegtrugen und versteckten, bis er das Geld herausgab, das er einer von ihnen schuldete. In Tiyedas Worten wird Baga lebendig – vor allem Bagas Frauen, die gelernt haben, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Tiyeda selbst musste diese Lektion schon früh lernen. Ihr Sprachtalent, dass sie als junge Frau an die Pariser Sorbonne zum Literaturstudium geführt hatte, war für sie als Mädchen eine Überlebensstrategie. Als Tochter einer Zweitfrau musste sie stets ihrer Stiefmutter, der Erstfrau gefallen, um ihr Leben erträglich zu machen. „Sie und meine Mutter waren eifersüchtige Feindinnen um die Gunst meines Vaters. Ich kenne viele Beispiele, wo Kinder wie ich weggeschickt wurden und schlimmeres.“
Weggeschickt wird sie schließlich trotzdem, aber zu ihrem Segen, denn bei den Verwandten in Ghana geht sie zur Schule, lernt englisch und erwirbt sich Wissen für ihren weiteren Lebensweg. Bei ihrer Rückkehr begegnet sie ihrem späteren Mann Séda und folgt ihm bald nach Frankreich. Er studiert internationales Recht in Toulouse, sie Literatur in Paris. Tiyeda pendelt zweimal wöchentlich, bekommt zwei Kinder. Séda erwirbt einen Doktorgrad, ist aber nicht glücklich.

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Tiyeda: „Das änderte sich auch nicht, als wir nach Togo zurückkehrten. Er wollte kein Anwalt sein. Büroarbeit war ihm zu lebensfremd. Die Jahre in Frankreich hatten in ihm das Heimweh nach seinem Dorf geweckt. Er wollte wieder Erde in seinen Händen fühlen. Er wollte Familie und Nachbarn zeigen, dass ein würdevolles Leben auf dem Land möglich ist.“
Doch bei ihrer Rückkehr ist Baga nicht mehr das Dorf seiner Kindheit. Grundstücke, die damals reiche Ernte getragen hatten, liegen verwaist und verwüstet, die Wälder und Flüsse sind verschwunden, aus Höfen Ruinen geworden. Die Wüste scheint sich unaufhörlich auszudehnen und das Dorf zu verschlingen. Wer jung ist und im Leben etwas erreichen will, zieht in die Städte.
Bagas Bewohner empfangen die Studierten keineswegs mit offenen Armen. Deren Entscheidung befremdet Familie und Nachbarn. Sie wollen sie lieber in der Stadt sehen und stolz auf sie sein, als Beispiel für ein besseres Leben. Doch Tiyeda und Séda lassen sich nicht beirren und erwerben einige Morgen Land.
Tiyeda: „Ich schwöre, es war das schlechteste und magerste Land des ganzen Dorfes, knochentrocken in den sieben Monaten ohne Regen: Noch nicht mal magere Büsche wollten hier wachsen. Doch genau das wollten wir: den Menschen zeigen, wie man auch auf ärmsten Böden Reichtum und Fülle erzeugen kann.“

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Zunächst arbeiten sie allein, um ihr Land urbar zu machen. Sie tauschen Computer und Schreibtisch mit Spaten und Hacke, pflügen den Boden mit Ochsen, säen Getreide, legen Gärten mit Obstbäumen und Gräben für die Bewässerung an, nutzen den Dung von Kühen und Ziegen, keinen Kunstdünger. Sie führen moderne Techniken organischen Landbaus ein in einer Umgebung, in der die Bauern seit Jahrzehnten zum Gebrauch von Kunstdüngern und zu Monokulturen gedrängt wurden. Es ist harte Arbeit. Die Frauen der Nachbarschaft können das nicht lange mit ansehen und beginnen, ihnen zu helfen. So beginnt eine Kooperation, die bis heute anhält und durch gegenseitiges Lernen und Lehren gekennzeichnet ist: traditionelle Bräuche und Fertigkeiten verbinden sich mit modernem Wissen. So entsteht das Zentrum CIDAP: eine Frauenkooperative mit heute über tausend Frauen. Gerade die Frauen können jede Verbesserung brauchen, denn sie trifft die Armut am härtesten.

Tiyeda: „Die meisten Männer auf dem Land denken, Kinder sind die Sache der Mütter. Viele Männer können die Armut, Hunger und jammernde Kinder nicht ertragen und verlassen ihre Familien. So bleiben viele Frauen allein mit der schweren Aufgabe, die Kinder satt zu kriegen.“

Doch bei CIDAP bekommen sie jetzt ein Wissen an die Hand, das ihnen das Leben erleichtert.
Tiyeda: „Auch wir lernten viel von den Frauen. Sie zeigten uns ihre traditionellen Rituale und Erzählungen, Tänze und Gesänge, die ihre Arbeit seit Ewigkeiten begleiten haben. Es sind die kulturellen Wurzeln des Landes. Es war uns sehr wichtig, dass wir das gewachsene Wissen und die Kultur nicht verdrängten durch Modernisierung, sondern beides verbinden. Es sind ja auch unsere Wurzeln, und wenn die abschneidet, wie das die Kolonialisierung getan hat, nimmt man den Menschen das Selbstbewusstsein, sie werden lenkbar und regierbar.“
So lebt rund um CIDAP etwas auf, das schon fast verloren gegangen war im Dorf: Gemeinschaftsgeist. Die Mischung aus Tradition und organischen Techniken erweist sich als erfolgreich. Frauen, die bei CIDAP mitarbeiten, wenden das Gelernte auch zu Hause an. Allmählich ändert sich die Situation in Baga. Den Männern wird dies erstmals bei einer Dorfversammlung bewusst. Dort ist es bislang so: Männer reden, Frauen hören zu. Es ist ihnen zwar nicht wirklich verboten zu sprechen, aber die meisten Frauen finden sich nicht würdig, außerhalb ihres Hauses die Stimme zu erheben.
An diesem Tag palavern die Männer über die Wüstenbildung und darüber, dass alles immer schlechter wird und man nichts dagegen tun kann. Da geschieht es. Eine Frau widerspricht: „Wenn Büsche und Bäume auf dem Feld stehen, bilden ihre Blätter Schatten und neuen Mutterboden. Das Wasser sammelt sich, es entsteht fruchtbare Erde, und die Hirse wächst wieder.“
Einige Männer schauen missbilligend, andere neugierig. Immerhin, die Frau sieht nicht mehr abgehärmt aus, und ihre Kinder sind wohlgenährt. Was sie sagt, scheint also Hand und Fuß zu haben. Man erkundigt sich: Wer ist sie, zu welchem Mann gehört sie, und wo hat sie das gelernt?

Tiyeda: „Ihr Mann, der sie kaum noch geachtet hatte, war auf einmal stolz auf sie. Er blieb dann mehr zu Hause und half mit in Feld und Garten. Und so sprach sich herum, dass die Frauen bei CIDAP etwas Sinnvolles lernten, mehr Frauen wollten mitmachen, und das Projekt wuchs.“

Immer mehr Frauen in Baga arbeiten so erfolgreich, dass sie von ihrer Ernte etwas verkaufen und ihre Situation verbessern können. Doch sie stoßen auf eine zweite Stufe der Benachteiligung von Frauen: Die Preispolitik der Händler.
Tiyeda: „Wenn das Getreide reif war und die Frauen es verkaufen wollten, gingen die Preise in den Keller. Die Händler wussten, dass die Frauen das Geld sofort brauchten, und nutzten das aus. Wenn sie dann Geld hatten und Geräte, Saatgut oder andere Dinge kaufen wollten, stiegen die Preise dafür enorm. Allein hatten sie keine Wahl. So waren sie immer am Gängelband der Händler.“

Tiyeda und Séda schlagen eine Lösung vor: Eine Dorfbank. Das System ist einfach, aber wirkungsvoll. Für einen kleinen Obolus als Verwaltungsaufwand kann jeder Einwohner Mitglied werden, sein Geld zur Dorfbank tragen und jederzeit abholen. So können die Frauen dann verkaufen oder kaufen, wenn die Preise günstig sind. Sie unterstützen sich gegenseitig, wenn eine von ihnen Hilfe braucht. Mit Mikrokrediten hat das nichts zu tun, die Frauen bleiben schuldenfrei.
Tiyeda: „Einige heben sie Geld dann ab, wenn Sojabohnen günstig sind, und produzieren Soja-Käse, den sie auf dem Markt verkaufen. Den Gewinn zahlen sie wieder ein. Oder sie kaufen Nüsse und Öle, mit denen sie organische Seife herstellen.“
Marmelade, Trockenfrüchte – bald gibt es immer mehr Produkte, die die Frauen von Baga auf den umliegenden Märkte anbieten. Schließlich entlässt die Armut das Dorf tatsächlich aus ihren Klauen.

Angeregt durch den Erfolg eröffnet CIDAP eine offizielle Schule für organische Landwirtschaft und Buchhaltung. Sie stellen Lehrer ein und bilden sie aus. Frauen, Männer, Jugendliche aus den umliegenden Dörfern und Städten haben die Ausbildung bereits durchlaufen. Tiyeda und ihr Mann hoffen, auf diese Weise die bäuerliche Landwirtschaft für junge Menschen wieder interessant zu machen, die in den letzten Jahrzehnten vor Armut und zu schwerer Arbeit in die Städte flohen.

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Tiyeda: „Das Curriculum haben wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern erstellt. Inzwischen arbeitet die Regierung von Togo, die uns anfangs eher misstrauisch gegenüberstand, im ganzen Land nach unserem Vorbild. Die Schüler lernen siebzig Prozent Praxis und dreißig Prozent Theorie. Das letzte Ausbildungsjahr besteht darin, dass sie zurück in ihre Familien gehen, von ihnen ein Stück Land erhalten und mit dem gelernten Wissen bewirtschaften, unter Mithilfe ihrer Lehrer. Läuft das gut, haben sie die Aufgabe, Nachbarn zu beraten und zu unterstützen. Auf diese Weise bleiben die Absolventen auf dem Land und unterstützen die Wiederbelebung ihrer Dörfer.“

Trotz des beeindruckenden Erfolges bleibt noch eine Fülle weiterer Aufgaben. Glaubt Tiyeda wirklich, dass sie mit ihren Freundinnen den globalen Vorgängen wie Klimawandel und Wüstenbildung etwas entgegen stellen kann?
„Ja, denn durch die Zusammenarbeit entsteht ein Gemeinschaftsgeist, der immer mehr Menschen einbezieht. Die Frauen von Baga sind selbstbewusst, glücklicher und wohlhabender geworden. Das spricht sich herum, und andere ahmen es nach. Es gibt keinen Grund, warum sich das nicht auf das ganze Land übertragen sollte. Eine aktive Dorfgemeinschaft mit gesunden Traditionen und Wissen darüber, wie sie nachhaltig wirtschaften können, kann eine ganze Revolution in Gang bringen. Die ganze Menschheit braucht Bespiele, wie man auf dem Land wieder sinnvoll leben kann. Dafür setzen wir Beispiele und suchen selbst in der ganzen Welt nach Lösungen, die wir hier anwenden.“

Zum Beispiel zum Thema Wasser, ein Schlüsselthema für Togo und ganz Afrika. In Baga dauert die Trockenzeit inzwischen sieben Monate. Ohne geeignetes dezentrales Wassermanagement sind das verlorene Monate, in denen nichts wächst. Das wollen Tiyeda und Séda ändern.
„Wasser ist Leben. Es fällt genug Regenwasser, aber in zu kurzer Zeit. Wir wollen es so sammeln und auffangen, dass es das ganze Jahr zur Verfügung steht. Wir haben die ersten drei Retentionsteiche angelegt und rundum Obstbäume gepflanzt, die gut gedeihen.“
Diese und andere Techniken lernen sie von ihrer Partnerorganisation in Portugal, das Forschungszentrum Tamera. Tiyeda: „Wir haben bei einem Seminar in Tamera gesehen, wie in einer Landschaft, in der sonst ringsum alles vertrocknet, der Erdboden auch in der Trockenzeit noch ausreichend Wasser für Bäume, Getreide und Gemüse gespeichert hatte. Wenn wir das hier in Baga anwenden, dann glaube ich fest, dass wir die Wüstenbildung aufhalten können.“

Was Tiyeda und Séda in Baga gelungen ist, hätte kein internationales Hilfsprogramm auf die Beine stellen können: Nichts wird hier aufgestülpt. Es ist keine Hilfe von außen, sondern die Aktivierung des eigenen Potentials und seine behutsame Verbindung mit modernem Wissen.
Das Beispiel von Baga – Selbsthilfe und Gemeinschaftsbildung – ist nicht nur für Afrika und Entwicklungsländer ein Vorbild: Auch in Industrieländern können diese Prinzipien bei der Lösung vieler Probleme helfen. Angesichts von ökologischer und ökonomischer Krise sind es heute dezentrale Lösungen, die Menschen in Eigeninitiative entwickeln, die die größten Chancen auf Erfolg haben. Das Global Ecovillage Network ist ein internationaler Verbund von vielen tausend dezentralen Initiativen zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit, die im weltweiten Austausch und Wissenstransfer stehen. Davon profitiert auch CIDAP. 2013 wurde die Initiative von GEN Africa zum Ökodorf des Jahres gewählt.

Für aktuelle Investitionen und den Aufbau von Wasserretentionsräumen bitten Tiyeda und Séda um finanzielle Unterstützung. Es ist eine der seltenen Möglichkeiten, wie eine Spende tatsächlich in den Aufbau eines sinnvollen und langlebigen Projektes geht, von dem viele Generationen profitieren werden, in einen Akupunkturpunkt, der eine große Wirkung hat. Auch kleine Summen haben eine große Wirkung. Gespendetes Geld wird ohne Abzug weitergeleitet.

Mehr über CIDAP erfährt man in dem wunderbaren Film The Dancing Forest. Weitere Informationen gibt es unter:
www.thedancingforest.com

Fotos: Hans-Martin Kaup

 

portrait leilaLeila Dregger,
Ist Journalistin und Autorin.
Sie schreibt über Friedensprojekte und Friedensentwicklungen und lebt in Tamera, Portugal, und baut dort eine Schule für Friedensjournalismus auf.
leila.dregger@tamera.org
Buch: Ich bin noch nicht in Frieden – Auf den Spuren einer neuen Frauenkraft“ 2005, Meiga Verlag