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»Versöhnungsarbeit«

Systemisch-phänomenologisches Familienstellen
Von Irmgard Eckermann

portrait eckermann
Familienstellen ist eine psychotherapeutische Methode aus dem Bereich der systemischen Therapie und durch unterschiedliche Bewegungen beeinflusst wie etwa Virginia Satir (Familienrekonstruktionen), Husserl (Phänomenologie) und der Buddhismus (Leere Mitte).

In Deutschland hat Bert Hellinger das Familienstellen publik gemacht und umfangreich dokumentiert. Seit dreißig Jahren entwickelt sich das Familienstellen beständig weiter. Neben Familienaufstellungen gibt es heute System-, Struktur- und Organisationsaufstellungen in unterschiedlichen Bereichen: im therapeutischen, wirtschaftlichen, organisatorischen.
Definition System: Ein System wird durch eine Vielzahl von Elementen definiert, die alle miteinander in Verbindung stehen. Wird eines der Elemente verändert, so bleibt das nicht ohne Einfluss auf die anderen Elemente. Übertragen auf das Familiensystem heißt das: Verändert ein Familienmitglied seinen Platz oder erfährt ein besonderes Schicksal, so bleibt das nicht ohne Wirkung auf das System. Das Bild eines Mobiles hilft diese komplexe Verbundenheit zu verdeutlichen. Wird ein Teil des Mobiles in Schwingung versetzt, so schwingen alle anderen Teile unweigerlich mit. Ein isoliertes Schwingen eines einzelnen Teils ist nicht möglich. Genauso ist es auch in der Familie. Alle Mitglieder, über die Generationen hinaus, stehen in Beziehung zueinander.
Anliegen: Die Menschen kommen mit den unterschiedlichsten Anliegen zu einer Aufstellung: Probleme mit Eltern, Geschwister, Partnern, Kindern, Beruf, verlorene, abgetriebene Kinder, Verlusterfahrungen, Familiengeheimnisse, Traumata, Suizid, Erkrankungen.
Methode: Familienstellen kann sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting stattfinden. Für Anfänger ist das Gruppensetting zu empfehlen. Im Gegensatz zur klassischen Therapie, VT oder Tiefenpsychologie, kommen die Menschen in unterschiedlichen Zeitabständen zur Aufstellung. Manche nur einmal, andere kommen mehrmals in kürzeren oder längeren Abständen, andere nutzen die Rolle des Stellvertreters, um mehr über sich und die eigene Familie zu erfahren.
Das Ungewöhnliche beim Familienstellen ist im Grunde genommen die Methode selbst. Es ist schon faszinierend und anfangs vielleicht auch „befremdend“, dass jemand fremde Menschen in den Raum stellt, stellvertretend für Eltern, Großeltern, Geschwister … und dann beobachtet, dass die Stellvertreter sich verhalten, wie die Personen, für die sie stehen. Sie zeigen gleiche Gesten, Verhaltensweisen, sprechen manchmal gleiche Worte, werden von Gefühlen ergriffen, obgleich sie nichts Näheres über diese Person wissen.
Was nimmt auf unser Leben Einfluss?
In einer Familie wirken tiefliegende, starke Bindungskräfte, die menschliche Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Ausgleich und Ordnung in Beziehungen betreffen. Nicht selten ist ein Familienmitglied mit vergangenen Schicksalen, Traumata, fremden Gefühlen, ausgegrenzten Personen verbunden. Teilweise beeinflussen diese Kräfte das private oder berufliche Leben vollkommen unbewusst. Frühere Schicksale können in einer nachfolgenden Generation unbewusst wiederholt werden, damit Verschwiegenes ans Licht kommt, gewürdigt wird, ein ausgegrenztes Familienmitglied seinen Platz erhält. Auch der Mörder, der Trinker, das uneheliche Kind gehören zum System und haben ein Anrecht auf einen Platz, um in Ruhe und in Frieden zu kommen. Fremde Gefühle, wie Schuld, Trauer, kann von nachfolgenden Familienmitgliedern gefühlt und als Lebensgrundgefühl gefühlt werden.
Die Geschichte hat gezeigt, dass traumatische Erfahrungen wie etwa Kriege, über Generationen in den Familien wirken. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass traumatische Gefühle vererbt werden können. Besondere Schicksale wirken in der Familie als besondere Kraft. In der Aufstellungsarbeit werden diese unbewussten Bindungskräfte, die ganz tief in der Familie wirken, emotional spürbar und erlebbar. Sie drängen ans Licht. Viele Menschen spüren instinktiv, dass Beziehungen in ihnen weiter wirken, dass etwas in ihnen wirkt, was sie nicht so recht in Worte fassen können.

eckermann freundeskreis
Was genau passiert in einer Aufstellung:

Findet die Aufstellung in einer Gruppe statt, bilden alle Teilnehmer (Tn) einen Kreis. Der Therapeut führt ein Gespräch mit dem Tn, der aufstellen möchte. In diesem Gespräch werden das Anliegen und die Besonderheiten der Jetzt- und Ursprungsfamilie erfragt – lebt der Aufstellende in einer Beziehung, hat er Kinder, leben die Eltern noch, gibt es Geschwister, verlorene Kinder, besondere Erkrankungen, Kriegserfahrungen, Flucht, Suizide …
Die Haltung des Therapeuten und aller Anwesenden sollte wertfrei, achtsam und respektvoll, sein für das Schicksal der Betroffenen und deren Angehörige. Nur so kann eine Atmosphäre von Offenheit und Vertrauen entstehen, damit sich in der Aufstellung das zeigen kann, was ans Licht kommen möchte.
Nach dem Gespräch bittet der Therapeut den Aufstellenden sich für bestimmte Familienmitglieder und/oder Symptome einen Stellvertreter aus der Gruppe auszusuchen. Anschließend stellt der Aufstellende die Stellvertreter intuitiv nach seinem inneren Bild im Raum auf. Der Therapeut bitte die Stellvertreter sich in die Person einzufühlen, für die sie stehen. An dieser Stelle entsteht nun ein Phänomen, das wissenschaftlich bis heute nur ansatzweise erklärt werden konnte. Es baut sich ein wissendes Energiefeld auf, was dazu führt, dass die Stellvertreter an ihren Plätzen die Gefühle der fremden Menschen, auch verstorbenen Menschen spüren, für die sie stehen. Oft zeigen sie gleiche Gesten und Verhaltensweisen, sprechen ähnliche Worte wie die Personen, für die sie stehen. Vergangene Ereignisse bilden sich so ab, wie sie sich ereignet haben. Voraussetzung hierfür ist, dass die Stellvertreter absichtslos bleiben, sich öffnen und erfassen lassen von einer Resonanz, einem gewahr werden einer tieferen Bewegung, die sich vollziehen möchte. Folgen die Stellvertreter diesen Impulsen, dann zeigen und lösen sich eingefrorene Gefühle, unterbrochene Bewegungen können sich vollenden. Versäumte Abschiede von Verstorbenen, können nachgeholt werden. Übernommene Schicksalslasten können in Achtung und Liebe zurückgegeben werden. Heilsame Lösungsbilder und neue Handlungsmuster entstehen.
Manchmal läuft eine Aufstellung schweigend ab bis zur Lösung. Manchmal ist es notwendig, an Bruchstellen der Bewegung einen Satz hinzuzufügen, den Blick auf jemanden zu richten. Das Feld signalisiert, ob der Impuls heilsam ist, angenommen werden kann. Wenn das Feld eine Lösung gefunden hat, wird die Aufstellung beendet. Gewöhnlich breitet sich Ruhe und Frieden über alle Beteiligten aus. Die Stellvertreter werden aus ihren Rollen entlassen. Es kann auch passieren, dass eine Aufstellung nicht zur Lösung kommen kann, da wichtige Informationen fehlen.
Alle Beteiligten, auch die Tn, die nicht mit in der Aufstellung standen, können allein durch das Miterleben sehr viel über sich und ihre Familie erfahren. Es scheint jenseits unseres menschlichen Bewusstseins ein erweitertes Speicherfeld zu geben, in dem alle Ereignisse, Gefühle, alle Handlungen so abgespeichert sind, wie sie sich ereignet haben. Richten wir unseren Geist aus und bleiben absichtslos, lassen eigene Bilder und Vorstellungen los, dann entsteht ein Resonanzfeld und Informationen teilen sich mit. Aufstellungsarbeit ist Spüren: Was regt sich da in mir als Stellvertreter? Was spüre ich an Impulsen, Gefühlen? Das geht nur über ein Geschehenlassen, ein Loslassen unserer Erwartungen. Dieses Lassen steht im krassen Gegensatz zu unserem beständigen Tun im Alltag. Sie ist Achtsamkeit im Augenblick.
Aufstellungsarbeit ist für mich persönlich Versöhnungsarbeit mit vergangenen Verletzungen, vergangenem Leid. Die Heilung, die dabei entstehen kann, vollzieht sich über eine größere Kraft. Das obliegt nicht unserem Denken und Handeln. Was wir machen können ist, unseren Geist zu leeren und in Liebe und Achtung auf alles zu schauen, was sich zeigen möchte. Nur so kann Aufstellungsarbeit gelingen.

Fotos: Irmgard Eckermann

Irmgard Eckermann
Dipl.-Psychologin, Systemische Einzel- Familien- u. Paartherapie (HPG), Familien- u. Systemaufstellungen
Lehrerin für Qigong DQGG e.V.
Tel.: 040 - 866 255 68
info@irmgard-eckermann.de
www.irmgard-eckermann.de