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Grünkraft und Wurzelkraft

Von Maren Axt und Kornelia Duda

duda wurzelkraft
Ist es nicht ein Wunder, dass inmitten tiefster Winternacht zur Zeit der Wintersonnenwende in der Erde verborgen, die Pflanzen den Impuls dieses Ereignisses spüren? Dass sie zu sprießen beginnen, auch wenn es noch kalt und unwirtlich ist? Dass es in unseren Gärten jedes Jahr wieder grün wird, auch wenn der Winter noch so lange dauert? Dass die Pflanzen immer aufs Neue zu uns kommen, obwohl wir Menschen sie so schlecht behandeln?
Ja, es ist ein Wunder und wir sollten dankbar dafür sein!

Die Natur schenkt sich uns immer wieder aufs Neue, darauf dürfen wir vertrauen, jedes Jahr wieder. Sie breitet sich vor uns aus, wie ein großes aufgeschlagenes Buch, in dem wir lesen und aus dem wir lernen dürfen. Mit offenen Augen durch die Natur gehen und die Pflanzen am Wegesrand und vor der Haustür wie gute Bekannte mit Namen ansprechen können, fühlt sich wunderbar an und wenn man dann noch weiß, wofür die Kräutlein gut sind und wie man sie zubereiten kann, welch einen Schatz hat man da für sich erworben.
Gerade die frischen jungen Pflanzen am Beginn des Frühlings haben schon immer eine große Bedeutung für die Menschen gehabt. Das sprießende Grün der „jungen Wilden“, der frühen Wildkräuter, die Frost und Kälte trotzen und sogar unter dem Schnee hervor blitzen wurde von Hildegard von Bingen (geboren 1098), Äbtissin, Heilpflanzenkundige und Mystikerin, „Grünkraft“ genannt. Damals, in Zeiten, in denen die Menschen in den langen Wintern oft großen Mangel litten, war diese frische, vitaminreiche, grüne Kost überlebenswichtig. Aber auch heute haben diese frühen Wildkräuter ihre Bedeutung für uns Menschen, sind sie doch um vieles vitamin- und mineralstoffreicher als viele ihrer „zahmen“ Verwandten.
Häufig genug jedoch werden gerade sie von uns als Unkräuter beschimpft, verjagt und sogar mit Gift bekämpft. Dabei suchen sie unsere Nähe, siedeln sich mit Vorliebe dort an, wo Menschen leben. Dies geschieht sicher nicht aus Bosheit. Oft sind gerade die Pflanzen, die sich in unserem Garten niederlassen auch die, welche unserer Gesundheit besonders zuträglich sind. Häufig sind es bitterstoffhaltige Pflanzen, die unsere, vom Winter und dem fülligen Essen träge gewordene Verdauung wieder in Schwung bringen und uns neu beleben. Brennnesseln, Löwenzahn, Gänseblümchen und Gundermann sind wahre Füllhörner an Inhaltsstoffen und überall zu finden.
duda gundermannGewährt man ihnen ein Eckchen im Garten und erntet regelmäßig von ihnen, dann braucht man sich um seine Gesundheit eigentlich nicht weiter zu sorgen. Sie eignen sich roh als Salat, gekocht als Spinat oder im Mixer zerkleinert als Grünkraftsaft oder neudeutsch „Smoothie“. Früher hat man traditionell aus neun dieser frühen Kräuter eine Suppe gekocht und sie in dem Bewusstsein gegessen, sich damit tief mit der Natur und Mutter Erde zu verbinden. Heute kennt man diesen Brauch noch in katholischen Gegenden als Gründonnerstagssuppe und auch die Grüne Soße, hat ihren Ursprung in der alten Verehrung des sprießenden Grünes.
Betrachten wir zum Beispiel den Löwenzahn, im Volksmund auch Hundeblume, Butterblume oder Bettseicher genannt, der für seine große Durchsetzungskraft und Anpassungsfähigkeit bekannt ist und sich sogar auf Beton, in kleinen Rissen und Spalten sein Plätzchen zum Leben sucht. Je nach Standort ist er unterschiedlich gestaltet. Auf fetten und feuchten Wiesen erscheint er groß und saftig, auf mageren, trockenen Böden eher klein und ausgeformt. Er bildet im Mai kräftige goldgelbe, eher derbe Korbblüten, die sich später zu filigranen hauchzarten Samenkugeln wandeln, bevor der Wind jedes einzelne Samenkorn an einem Schirmchen hängend davon trägt. Der Löwenzahn ist wandlungsfähig und immer im Fluss. Seine Inhaltsstoffe, wie etwa die Bitterstoffe, Schleimstoffe, Vitamine, (viel Vitamin C und A)sowie Mineralstoffe regen unsere Verdauung, den Gallefluss und den Stoffwechsel an. Auch auf die Nieren wirkt der Löwenzahn anregend. Harnsäure und andere Stoffwechselprodukte werden ausgeschwemmt, rheumatische Beschwerden gelindert, der Körper und seine Organe werden neu belebt und kommen in Schwung. Auch auf gedanklicher Ebene kann uns der Löwenzahn ins Fließen bringen und helfen, flexibel zu bleiben oder zu werden. Alle Teile der Pflanze können geerntet und zubereitet werden und dienen unserer Gesundheit. Die Wurzeln können getrocknet als Tee getrunken, die Blätter frisch im Salat gegessen oder in der „Neunkräutersuppe“ zusammen mit anderen Kräutern gekocht werden. Auch aus den Blüten kann eine köstliche Speise entstehen, etwa Marmelade. Erntet man die Wurzeln im Frühjahr, so sind sie eher bitter und regen den Stoffwechsel an, erntet man sie im Herbst sind sie milder, es überwiegt das Inulin, ein Stoff der für Diabetiker interessant ist, weil er sättigt, den Blutzucker aber nicht beeinflusst. Im Übrigen ist er Futter für die „guten“ Darmbakterien.
Oder schauen wir uns ein Gänseblümchen an, so klein, zart und lieblich und doch so robust und kraftvoll. Gänseblümchen werden auch Maßliebchen, Tausendschön oder Himmelsblume genannt, sind Korbblütler und wachsen überall auf Wegen und Wiesen meist das ganze Jahr hindurch. Wir können auf diese kleine Pflanze drauf treten und sogar mit dem Rasenmäher drüber mähen, sie lässt sich nicht unterkriegen und blüht wenige Tage später wieder in voller Pracht. In dieser Beziehung ähnelt sie dem vorher beschriebenen Löwenzahn. Betrachten wir ihre Inhaltsstoffe, so finden wir Bitter- und Gerbstoffe, die auf Haut und Schleimhaut zusammenziehend und entzündungshemmend wirken und den Stoffwechsel anregen, sowie Schleim- und Seifenstoffe, die schleimhautschützend und auswurffördernd im Bronchialtrakt wirken. Dazu finden sich noch Flavonoide und ätherisches Öl. Gänseblümchen sind besonders mit Kindern verbunden und werden von ihnen für die Mutter gepflückt, zu Kränzen gewunden oder einfach als Schmuck ins Haar gesteckt. Auch als Liebesorakel hat so manch eine verliebte Jugendliche ein Gänseblümchen gefragt:“ Er liebt mich? Er liebt mich nicht?“ Daher wird das Gänseblümchen gern Kindern als leicht fiebersenkendes und entzündungshemmendes Kraut bei Atemwegserkrankungen gegeben und als Stärkungsmittel, wenn das Kindlein schlecht gedeiht. Auf seelischer Ebene hilft es mit seiner unerschütterlichen Widerstandskraft, erlittenes Unrecht und Demütigungen zu bearbeiten und zu überwinden. Vom Gänseblümchen erntet man das Kraut mit den Blüten und genießt es frisch im Salat, als Brotbelag, frisch oder getrocknet als Tee. Gänseblümchen gehören, wie auch der Löwenzahn zu den frühen Grünkraft -Kräutern, die gesammelt werden können, sobald Schnee und Frost gewichen sind.
Diesem aufsteigenden Impuls der jungen Kräuter im Frühling steht der absteigende Impuls hinein in die Wurzel am Beginn des Herbstes gegenüber. Nachdem die Pflanze sich im Sommer in ihrer Blüte an die Sonne und die Luft verströmt hat, von Insekten umschwirrt und bestäubt wurde, nachdem sie fruchtbar geworden ist und für Nachkommen gesorgt hat, zieht sie sich mit all diesen „Erlebnissen“, mit all der Süße des Sommers, der gesammelten Sonnenkraft und Wärme in ihre Wurzel zurück. Dies ist ein guter Moment, um sie zu graben und zu trocknen oder vielleicht auch eine Tinktur aus ihr zu machen. All die Qualitäten des Sommers sind in der Wurzel gespeichert, die Pflanze ist in ihr zur Ruhe gekommen, hat sich in sie zurückgezogen. Ein Heilmittel aus einer solchen Wurzel wird kraftvoll wirken.
Solch ein Heilmittel kann die Baldrianwurzel sein, die uns moderne, gestresste Menschen erdet, unsere Überspanntheit ableitet und unsere über erregten Sinne sanft zur Ruhe bringt. Baldrianwurzeln enthalten Stoffe, die unsere Schlafbereitschaft und auch das Durchschlafen fördern, wenn wir sie am Abend zu uns nehmen. Tagsüber eingenommen wirkt Baldrian entspannend, ausgleichend und auch konzentrationsfördernd. Wir sind stärker fokussiert und weniger abgelenkt. Bei der Dosierung sollte man sehr vorsichtig beginnen, da Baldrian zu paradoxen Reaktionen führen kann. Beispielsweise wird man nach Einnahme von Baldrian am Abend immer munterer statt müde, so sollte man die Dosierung deutlich verringern. Baldrianwurzel kann als Tee gekocht oder als Tinktur oder Fertigpräparat eingesetzt werden. Im Garten kann man Baldrian anbauen, er braucht aber ein bisschen Platz. Er gedeiht auf feuchten Böden und auch wild an Bachufern und Wiesen. Seine rötlich, weißen Scheindolden verströmen einen sehr besonderen Duft, der ihm im Volksmund den Namen Stinkwurzel und Katzenkraut eingebracht hat. Für uns Menschen riecht er besonders und intensiv, Katzen macht er schier verrückt.
Erntet man die Wurzel einer Pflanze ganz, so stirbt sie. Häufig benötigt man aber nur einen Teil der Wurzel für ein Heilmittel und wenn man diesen vorsichtig entfernt, kann die Pflanze sich regenerieren. Sie wird dann auf den nächsten Sonnenruf warten, der sie aus ihrem Schlaf erweckt auf das ein neues Pflanzenjahr beginnen kann.                            

Fotos: Axt / Duda

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Maren Axt, Heilpraktikerin mit eigener Praxis für Heilpflanzenkunde, Homöopathie und Reiki in Hasselberg bei Kappeln. Reikilehrerin, Dozentin für Heilpflanzenkunde und zu Themen rund um die Gesundheit, Mitbegründerin von Alchemilla, Heilpflanzenschule und Kräuterwerkstatt in Bordesholm.
Tel.: 04643 - 186928, praxis@maren-axt.de, www.maren-axt.de
Kornelia Duda, Heilpraktikerin, mit eigener Praxis für Klassische Homöopathie und Naturheilkunde in Bordesholm. Dozentin für Medizin, Homöopathie und Gesundheitsthemen. Sie bietet Wanderungen durch die Natur an und ist Mitbegründerin von Alchemilla.
Tel.: 04322 - 885633, balance.duda@gmail.com, www.heilpraktikerin-duda.de
www.heilpflanzenschule-alchemilla.de