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Beobachte die Lücke zwischen zwei Atemzügen

Die Journalistin Marlies Burghardt im Gespräch mit Pyar

portrait pyar
Das ist eine der Meditationsanweisungen aus dem Vigyan-Bhairav-Tantra, einer etwa 5000 Jahre alten Schrift, die der indischen Mythologie zufolge den Menschen von Gott Shiva überbracht wurde.
In diesem Tantra stellt Shakti ihrem Mann Shiva Fragen zur geistigen Welt und dem Weg dorthin, und Shiva übermittelt ihr daraufhin 112 Übungen, die Grundlage aller Meditationstechniken überhaupt sein sollen. All diese Techniken wollen den Verstand ins Hier und Jetzt holen und in einen Zustand jenseits des gewöhnlichen Bewusstseins führen.
Shiva antwortet deshalb auch nicht intellektuell, sondern praktisch, damit jeder für sich ausprobieren kann, was für ihn geeignet ist.

Pyar, Dr. Franziska Rauch, die vor 15 Jahren erwachte, als Ärztin praktiziert, verheiratet ist, als spirituelle Lehrerin europaweit Satsangs und Retreats gibt und bei alledem noch Bücher schreibt, gelingt es, sehr komplexe geistige Themen anschaulich und erfahrbar zu machen.
Sie zitiert und interpretiert häufig spirituelle Texte aus den verschiedenen Kulturkreisen, kommt darüber ins Gespräch mit den Teilnehmern ihrer Veranstaltungen, erläutert Methoden und leitet Meditationen an.
Auf warmherzige, bodenständige Art weist sie interessierten Menschen den Weg und fordert dazu auf, Meditation und Alltag zu verbinden und mit Achtsamkeit und Freude zu leben.

MB: Pyar, in diesem äußerst liebevoll geführten Dialog zwischen Shiva und Shakti im Vigyan-Bhairav-Tantra stellt Shakti ihrem Mann Fragen, obwohl sie doch selbst auch erleuchtet ist. Wieso?
Pyar: Ich liebe Shaktis Fragen. Denn in ihren Fragen ist bereits die gesamte Weisheit und Liebe enthalten – nur in fragender Form. Schon der Anfang „Oh Shiva, was ist deine Wirklichkeit?“ entzückt mich stets aufs Neue.
Und ja, sie stellt zugleich ihre Fragen quasi stellvertretend für uns. Sie selbst ist ja völlig ungetrennt von Shiva, und für Shakti selbst sind ihre Fragen lediglich Ausdruck des liebevollen Spiels.

MB: Die ersten neun Techniken des Tantras beschäftigen sich mit dem Atem. Eine davon heißt: Beobachte die Lücke zwischen zwei Atemzügen.
Was geschieht da?
Pyar: Shiva sagt: “Strahlende, diese Erfahrung mag dir zwischen zwei Atemzügen dämmern.“
Er antwortet auf Shaktis Fragen nie mit Theorie oder Erläuterung, sondern stets mit dem Angebot, selbst zu erfahren. Nach dem Einatmen bevor der Atem wieder ausströmt und nach dem Ausatmen bevor der Atem wieder einströmt – genau an diesem Punkt der Wende – ergibt sich immer eine natürliche Lücke, in der gar nichts geschieht. Wenn wir, ohne irgendetwas am Atem selbst zu verändern, unsere Aufmerksamkeit auf diese Lücke richten, dann kann genau da das Erfahren der höchsten Wirklichkeit aufscheinen.

MB: Gibt es eine Atemtechnik, die Du besonders empfiehlst?
Pyar: Die einfachste Atemtechnik ist, sich des Atems bewusst zu sein ohne ihn zu verändern. Man kann dabei die Aufmerksamkeit entweder auf die Nase richten – dort wo der Hauch des Atems die Nasenflügel streift. Oder man beobachtet das Heben und Senken des Brustkorbes und des Bauches.
Aber gerade die oben erwähnte Technik den Umschlagpunkt des Atems, die Lücke zwischen Ein- und Ausatmen und zwischen Aus- und Einatmen zu beobachten, halte ich für sehr segensreich.
Denn wir sind gewohnt die Momente der Lücke, des Stillstandes, der Wende in unserem Leben zu übersehen, und dabei verpassen wir grandiose Möglichkeiten einen direkten Blick in die Weite der Wirklichkeit in die Friedlichkeit des Augenblickes zu werfen.

MB: Das Vigyan-Bhairav-Tantra hebt besonders im Zusammenhang mit dem Atem immer wieder das Nabelzentrum hervor und bezeichnet es als das Zentrum des Menschen.
Wo bleibt da das Herz?
Pyar: Oh doch, das Herz nimmt eine wichtige Position in diesem Tantra ein.
Beispielsweise: „Gesegnete! Wenn alle Sinne im Herzen aufgenommen sind, gehe in die Mitte des Lotos.“ Oder „Wenn du die Augäpfel federleicht berührst, öffnet sich die Leichtigkeit zwischen ihnen bis ins Herz hinein und dringt von dort in den Kosmos.“
Alle Sinne im Herzen aufzunehmen ist eine wunderbare Übung. Alles Nachdenken über Sinneseindrücke, alles Vergleichen, alles Wünschen und Ablehnen fällt dabei weg und du landest mitten im reinen Lotus des Herzens.

MB: In diesem Tantra werden ja eine Fülle von Meditationsformen angesprochen. Gibt es da Haupt-Kategorien?
Pyar: Ja. Es beginnt mit einer Reihe Atemtechniken. Dann gibt es Methoden für alle Sinne – wie Hören, Schmecken, Sehen, Tasten, Riechen … Auch einige Methoden, die mit körperlicher Vereinigung zu tun haben. Einige Übungen beschäftigen sich mit Emotionen, andere mit den Möglichkeiten der Fokussierung und der Kontemplation. Wieder andere mit der Umsetzung des Erfahrens der Wirklichkeit in den Alltag.

MB: Eins der Sutras lautet: „Jenseits der Wolken die Heiterkeit.“ Wie dahin gelangen mitten in einer großen Herausforderung wie Krankheit, Jobverlust, Partnerschaftskrise?
Pyar: Genau das ist so eine Methode für den Alltag „Einfach, indem du in den blauen Himmel schaust, jenseits der Wolken – die Heiterkeit.“ In den blauen Himmel zu schauen jenseits der Wolken der Krankheit, des Jobverlustes oder der Partnerschaftsprobleme heißt auch in schwierigen Zeiten immer wieder innezuhalten und sich der Bläue des Himmels, die ja jenseits der Wolken immer vorhanden ist, auch wenn wir sie gerade nicht sehen können, gewahr zu sein.
Im intensiven Erinnern der grundlegenden Gutheit, der Weite und Freundlichkeit des Raumes schauen wir mit unserem inneren Auge tatsächlich das, was immer vorhanden, immer nährend, immer wahr und friedlich ist. So kann Heiterkeit auftauchen selbst mitten in den Unwettern des Lebens.

MB: Im Vigyan-Bhairav-Tantra heißt es: Akzeptiere dich und andere so, wie ihr seid, schaffe keine Kluft zwischen der Welt und Nirvana.
Wie dabei umgehen mit problematischen Seiten des Menschen, dem sogenannten „Bösen“?
Pyar: Wir dürfen dabei nie vergessen, dass der Kern jedes Menschen gut ist. Das nennt man die grundlegende Gutheit. Und leider sind wir dennoch in der Lage unrecht zu handeln, andere zu verletzen.
Dieses unrechte oder ungerechte Handeln ist umso leichter offen anzusprechen, je gewisser wir der grundlegenden Gutheit sind. Also auch hier gibt es keinen Widerspruch. Jeder ist grundlegend gut und jeder ist in der Lage Unrecht zu begehen, und solches Unrecht muss natürlich klar benannt werden.
Beides gehört zur Wirklichkeit des menschlichen Lebens. Und von beidem müssen wir Zeugnis ablegen.

MB: Woran kann ich erkennen, dass die Technik, die ich praktiziere, für mich passt und über das gewöhnliche Bewusstsein hinaus führt?
Pyar: Das ist eine wichtige Frage. Die Empfehlung ist, eine Methode mindestens 21 Tage lang regelmäßig zu üben. Nach diesen 3 Wochen kann man für sich selbst feststellen, ob die Übung wohltuend ist und ob sie einen weiterbringt. Wenn ja – dann weiterüben, wenn nein, dann eine andere Übung ausprobieren.
Es wird gesagt, dass jede einzelne dieser Übungen für den ganzen weglosen Weg ausreicht. Es ist also nicht notwendig alle der 112 Techniken Shivas zu erlernen …
 
MB: Dankeschön für dieses Gespräch.

Foto: Rauch

portrait pyarPyar – Dr. Franziska Rauch
wurde 1960 in Bayern geboren und erlebte eine christlich geprägte Kindheit. Ihre Eltern waren Naturwissenschaftler. Pyar studierte Medizin, promovierte und arbeitet als praktische Ärztin in eigener Praxis in München. Sie erwachte 1999, gibt seitdem Satsangs und Retreats und schreibt Bücher:
Reise ins Nichts – Geschichte eines Erwachens • Poesie der Stille – Tanz des Lebens • Bodhichitta – Das erwachte Herz – Das Sieben-Punkte-Geistestraining für Weisheit und Mitgefühl • Hütet das Feuer – Jesus als radikalen Weisheitslehrer entdecken • Satsang – die spirituelle Suche nach Wahrheit und Erkenntnis • WIR – Wege zur Verbundenheit.
www.pyar.de