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Achtsamkeit

Ein uralter Weg zu mehr Gelassenheit und innerem Frieden
Von Irmgard Eckermann

Calandra---photocase
Der Begriff Stress ist heute in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und bereitet vielen Menschen erhebliche körperliche und/ oder seelische Beschwerden bis hin zum Burnout. Wer nicht unter Stress leidet, läuft schon mal Gefahr nicht im Trend der Zeit zu liegen. Wer sehnt sich nicht nach weniger Stress, nach mehr Gelassenheit und innerem Frieden? Viele Menschen scheinen auf der Suche zu sein, nach neuen Wegen im Umgang mit den sich ständig wechselnden Herausforderungen des Lebens.

Der Ursprung achtsamen Lebens liegt in fernöstlichen Weisheitslehren. Vor über 2000 Jahren entstand im Buddhismus eine bestimmte Form der Achtsamkeitsmeditation (Vipassana), um die eigene Achtsamkeit und innere Weisheit zu vertiefen. Das Ziel war es, jeden Augenblick des Lebens – den glücklichen wie auch den leidvollen – so erfüllt wie möglich zu erleben und vollständig anzunehmen.  
Bekannte Meditations- und Achtsamkeitslehrer sind etwa der vietnamesische Zen-Meister und -Lehrer Thich Nhat Hanh und der Amerikaner Dr. Jon Kabat-Zinn. Thich Nhat Hanh hat maßgeblich dazu beigetragen, die buddhistische Lehre in der westlichen Welt zu verbreiten. Er stellt bis heute die Lehre der Achtsamkeit in den Mittelpunkt seiner Unterweisungen.
J. Kabat-Zinn ist der Begründer des bekannten Achtsamkeitstrainings (Mindfulness-Based-Stress-Reduction). Durch jahrzehntelanges Bemühen ist es ihm gelungen, die Kluft zwischen östlicher Weisheit und westlicher Medizin zu überwinden. Weltweit wird heute in vielen westlichen Kliniken ein Achtsamkeits- und Meditationstraining zur Bewältigung von Stress und zur Gesunderhaltung angeboten. Vielfältige wissenschaftliche Studien belegen mittlerweile die positive Wirkung von gelebter Achtsamkeit, etwa im Umgang mit Stress, körperlichen und seelischen Beschwerden, bei der Gesunderhaltung, Entspannung, Aktivierung von Selbstheilungskräften. Regelmäßige Meditation, Achtsamkeitsübungen im Alltag, Qigong oder Yoga führen in die Achtsamkeit.  

Was genau bedeutet Achtsamkeit?
„Achtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Moment, ohne zu urteilen.“
(J. Kabat-Zinn)
Achtsamkeit ist keine Fertigkeit wie Radfahren oder Schwimmen, die wir einmal erlernen und dann für den Rest des Lebens beherrschen. Achtsamkeit will im Alltag und in der Meditation immer wieder neu praktiziert werden. Nur so können das eigene Gewahrsein, Klarheit und Akzeptanz für den gegenwärtigen Augenblick gefördert und gestärkt werden. Achtsamkeit lehrt uns, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Augenblicken ist. In jedem Augenblick, in dem wir nicht gegenwärtig sind, verpassen wir ein Stück des Lebens und übersehen unsere Möglichkeit zu wachsen.
J. Kabat Zinn sagt: „Achtsamkeit ist eine einfache und zugleich hochwirksame Methode, uns wieder in den Fluss des Lebens zu integrieren, uns wieder mit unserer Weisheit und Vitalität in Berührung zu bringen.“
Thich Nhat Hanh betont: „Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht hier. Leben steht uns nur im gegenwärtigen Moment zur Verfügung. Wir lassen unser Bedauern über das Gestern hinter uns, wir lassen unsere Sorgen über das Morgen los und kommen zu uns selbst zurück, um den gegenwärtigen Moment zu berühren.“

Die Basis der Achtsamkeit ist das Erlernen einer inneren, achtsamen Haltung sich selbst, den Mitmenschen und den Ereignissen des Lebens gegenüber. Es hilft uns, uns mit folgenden Punkten auseinanderzusetzen, um sie nach und nach in eine innere Haltung zu integrieren:
Nicht beurteilen: Unser Denken bewegt sich auf gut eingefahrenen Denk- und Gewohnheitsmustern. Es wird von ständigen Bewertungen und Beurteilungen begleitet. Wer von uns kennt noch einen ruhigen Geist? Es scheint so, als tobe täglich eine Affenbande, ein nie enden wollender Gedankenstrom durch unseren Kopf. Der erste Schritt hin zu einem veränderten Umgang mit dem eigenen Stress ist, sich zunächst einmal in der Meditation der eigenen Gewohnheit von Be- und Verurteilung bewusst zu werden.
Anfängergeist: Im Anfängergeist begegnen wir den wiederkehrenden alltäglichen Dingen, Begebenheiten und Menschen mit einer offenen und interessierten Einstellung. Es wird vermieden, allem und jedem eine vorgefasste Meinung überzustülpen. Der Reichtum und die Vielfalt des Augenblicks werden wieder erlebbar.  
Absichtslosigkeit: Zu große Anstrengungen und hohe Erwartungen an die Praxis der Achtsamkeit verhindern eher den Erfolg. Es wird die Fähigkeit eingeübt, sich nicht von jedem Gedanken, jedem Gefühl, jedem Reiz hinweg tragen zu lassen, sondern die aufkommenden Reize wertfrei von Augenblick für Augenblick zu beobachten. Die  Konzentration auf das Wesentliche nimmt zu.
Akzeptanz: Das Leben ist voller Überraschungen und Herausforderungen, die nicht den eigenen Vorstellungen und Wünschen entsprechen. Akzeptanz wird häufig verwechselt mit passivem Hinnehmen aller Ereignisse. Radikale Akzeptanz ist geprägt von klarer Bewusstheit und einer aktiven Entscheidung, die Situation unvoreingenommen anzuerkennen, wie sie ist. Diese Klarheit spart Energie und setzt Kräfte frei für die Suche nach Lösungen und Entscheidungen. Akzeptanz hilft, das Leben aktiv zu gestalten.
Geduld: Achtsamkeit zu praktizieren braucht viel Geduld. Jeder individuelle Wachstumsprozess braucht Zeit, verläuft niemals linear und lässt sich nicht beschleunigen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt:  „Gras wächst nicht schneller, wenn du daran ziehst“.
Vertrauen: Vielen Menschen ist das Vertrauen in die eigene Weisheit, das eigene Körperwissen verloren gegangen. Meditation und Achtsamkeit fördern und stärken die Wahrnehmung und das Vertrauen in die Signale von Körper, Geist und Seele. Die innere Weisheit um die „Natur des Ganzseins und Eingebundenseins“ wird wieder spürbar und erlebbar.
Loslassen: Vieles, was wir nicht mögen, wären wir gerne los. Anderes wollen wir unbedingt festhalten – Konzepte, Überzeugungen, Gewohnheiten. Loslassen heißt hier, sich aus der Identifikation zu lösen und die Dinge als das zu betrachten, was sie sind: Gedanken oder Vorstellungen. Nur wer loslässt, hat zwei Hände frei. Nur im Jetzt ist das Leben vollständig zu erfahren und zu gestalten.
Vielleicht regt sich beim Lesen Widerstand. Wie sollte eine Welt ohne Denken funktionieren? Das Gehirn plappert doch unentwegt? An welchen Gedanken, Konzepten  wir festhalten, hängt von den individuellen Erfahrungen ab. Sie prägen und bilden das menschliche Ich und beeinflussen nicht nur die persönliche Sichtweise sondern auch unser Verhalten und Handeln. Genau hier setzt die Achtsamkeit an: Sie hilft die Wahrnehmung zu erweitern, sie hilft einen Schritt zurückzutreten aus dem polaren Gedankenmustern von: Das mag ich / mag ich nicht, will ich / will ich nicht … Erst dann kann die reine Wirklichkeit ohne Ich-Brille vollends wahrgenommen werden, jenseits von persönlichen Vorstellungen und Prägungen.
Achtsamkeit fördert die Kultur eines mitfühlenden Lebens mit sich und den Mitmenschen. Achtsamkeit zu studieren, heißt sich selbst zu studieren. Die reine Erfahrung des Augenblicks liegt jenseits von Sprache und Begriffen. Achtsamkeit lässt uns mit unserem ureigenen Wesen wieder in Berührung kommen. Achtsamkeit fördert einen menschlichen Nährboden, in dem Heilung für Körper, Geist und Seele entstehen kann.

portrait-eckermannIrmgard Eckermann
Dipl.-Psychologin, Systemische Einzel- Familien- u. Paartherapie (HPG), Familien- u. Systemaufstellungen
Lehrerin für Qigong DQGG e.V.
Tel.: 040 - 866 255 68
info@irmgard-eckermann.de
www.irmgard-eckermann.de

 

 


Foto Schnecke: © Calandra - photocase
Portrait & Text: Irmgard Eckermann