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Ikonen der erotischen Frau

Leben und Leidenschaft der Bildhauerin Sandra Schmid

Von Freya von Wussow

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Vor mir liegt ein wunderschöner Garten. Er ist durchflutet von Leben und Licht. Tonfiguren stehen, liegen und hocken zwischen Kräutern, Wildblumen und Bäumen. Figuren voll schöner, sinnlicher Formen. Kinder, die sich an eine füllige Mutterfigur kuscheln. Ein Paar, das sich in vollkommenem Einverständnis lustvoll aneinander schmiegt. Eine Frau, die ganz ohne Angst einen Löwen umarmt, der sich vertrauensvoll an sie lehnt. Sie sind eingerahmt von den schönsten Pflanzen. Eine schlanke, aber stark wirkende Frau tritt aus dem anliegenden Haus. Sie schaut sich um, dann geht sie in den Garten und fängt mit bedächtigen und fließenden Bewegungen an, die Pflanzen zu gießen. Als sie mich begrüßt, dringt ihre voll tönende, aber etwas raue Stimme zu mir.
Wer ist diese Frau?

Die Künstlerin und Bildhauerin Sandra Schmid (51) hat sich schon immer mit dem Thema Frausein beschäftigt. Schon als junge Frau hat sie angefangen, sie zu zeichnen und als Studentin auch zu modellieren, und hat versucht, ihre Figuren und Bilder von den begrenzenden Schönheitsidealen der Gesellschaft zu befreien. Sie hat Grafikdesign studiert und ist in all ihren Lebensabschnitten dem Thema Frau treu geblieben. Heute lebt sie in einem von ihr selbst gebauten Lehmhaus in der Gemeinschaft Tamera Heilungsbiotop 1 in Südportugal und ist selbst Mutter einer erwachsenen Tochter.

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„Muttersein war meine intensivste Lebenserfahrung. Ich fühlte mich als Teil von jedem weiblichen Lebewesen und der Welt. Durch meine Tochter habe ich Hingabe erlebt und ein tiefes Liebesband,“ sagt sie.
Sandra ist vor 14 Jahren mit ihrer damals siebenjährigen Tochter Rosa in die Gemeinschaft gezogen. Was sie zog, war die Vorstellung, dass da ganz viele Menschen mithelfen, die Kinder großzuziehen, und die Hoffnung, dass es in dem Thema Liebe und Sexualität in Gemeinschaft anders läuft, freier als in der heutigen Gesellschaft.
Es waren hohe Erwartungen, die sich so schnell anfangs noch nicht erfüllten. Mittlerweile hat sich da vieles geändert. Die Bedingungen fürs Kinderaufwachsen und auch für die Liebe entsprechen viel mehr dem, was sie sich für sich und ihre Tochter von Anfang an gewünscht hätte. Immer mehr interessierte sie sich für das Thema Eros, auch in der Kunst.

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„Man sagt, alles was entsteht, ist Eros. Jeder Graskeimling. In unserer Zeit wird Eros oft mit Pornographie verwechselt, er ist auf jeden Fall nicht heil. Ursprünglich gibt es eine heilige Sexualität, einen heiligen Eros. Der Eros wurde der Frau im Patriarchat weggenommen,“ erzählt Sandra Schmid. „Durch das Glück, in Tamera zu leben, kann ich solche Figuren modellieren. Außerhalb würden mir wahrscheinlich alle möglichen falschen Projektionen entgegen kommen, wenn ich Hingabe darstelle.“

Wenn ich ihre Figuren betrachte, ahne ich, was sie meint. Sie sind so offen und frei gestaltet. Eine solche Intimität zu betrachten, löst in den Augen der meisten Menschen eine Menge aus. Es kann von Bewunderung bis zu Abwehr gehen, von Erregung bis zu Scham. Mit Tamera hat Sandra einen Ort gefunden, an dem Liebe und Sexualität als zentrale Kraft empfunden werden – und ihre Figuren ganz ohne Projektionen und Abwehr betrachtet werden können.

Ich vertiefe mich in eine Mutterfigur voll sinnlicher Formen, voll Schönheit und Weisheit. Sie strahlt von innen heraus. Ohne Angst, grenzenlos. Voller Vertrauen schmiegt sich der Sohn an ihren Leib. Sie nimmt ihn an, ohne Verurteilung und schenkt ihm ihre Wärme und ihre bedingungslose Liebe. Eingerahmt von blühenden Blumen und wohlriechenden Kräutern steht die Figur in der Natur und beglückt jedes Auge und Herz der vorbeilaufenden Menschen.
Wer ist diese wunderschöne Frau?

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„Maria ist das Urbild von Muttersein. Sie verkörpert die universelle Liebe.“ Sandra erzählt von der biblischen Figur der Maria. Auf die Anregung von Dieter Duhm hin, dem Gründer von Tamera, fing sie an, sich mit der Maria und ihrer Geschichte auseinander zu setzen.
Sie habe gemerkt, dass die Maria immer da war. Auch in der Geschichte der Gewalt. „Sie war nicht von sich aus so stumm. Die Geschichte hat sie dazu gemacht. Sie war die ganze Zeit über für die Menschen da und hat niemanden verurteilt. Mit ihrer Güte nimmt sie alle an ihr Herz, egal wer sie sind.“

Auf die Frage von mir, warum sie ihre Figuren so füllig darstellt, antwortet Sandra: „Es ist viel sinnlicher, wenn man rund modelliert. Es kommt mir vor, als würde das Schönheitsideal sowie die ganze Rollenverteilung der Gesellschaft die Frau beschneiden. Die Hauptsache ist doch, dass man sich in seinem Körper wohl fühlt.“

Ich stimme ihr da vollkommen zu. Diese weiche, füllige Art, die Frauen darzustellen, repräsentiert die weibliche Kraft in einer authentischen, richtigen Art. Sie repräsentiert auch den Mutteraspekt, der sehr wichtig ist für die Welt. In unserer Kultur denkt fast jede Frau, sie hätte irgend einen Mangel, und fast jede hat das Gefühl, nicht genug geben zu können.

Sandra: „Das Modellieren einer Mutter-Ikone kann helfen, einen solchen Mangelzustand zu überwinden und eine gebende Energie heranreifen zu lassen“.

Fotos: Simon du Vinage.

portrait vonwussowFreya von Wussow,
17, Schülerin und Poetin, schreibt seit vier Jahren leidenschaftlich Gedichte, Kurzgeschichten und seit einem halben Jahr auch journalistische Artikel.
Zurzeit macht sie ein Praktikum bei der Friedensjournalistin Leila Dregger in Tamera, Portugal. Dort ist sie Herausgeberin der internen Wochenzeitung: Tamera News.