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Natur- und Pflanzenmeditation

Von Svenja Zuther

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Eine Natur-Meditation bringt uns in Kontakt mit der uns umgebenen Natur und sie schult unsere Wahrnehmung für unsere eigene Befindlichkeit. Für eine Naturmeditation suchen wir uns einen Partner in der Natur, auf den wir unsere Aufmerksamkeit richten.
Wir beobachten und achten die äußere Natur und ebenso unsere innere Natur. Das schenkt uns Erkenntnisse und Einsichten in das Netz des Lebens, in das wir eingebunden sind.

Natur-Meditationen können ganz gezielt zu bestimmten Themen durchgeführt werden, beispielsweise um etwas über eine bestimmte (Heil-)Pflanze und ihre Kräfte zu erfahren, um einen Ort (etwa den Garten von Ihrem neu bezogenen Haus) besser kennen zu lernen, um über bestimmte Elemente des Lebendigen zu philosophieren. Oder auch einfach aus Spaß am Entdecken und am lebendigen Austausch mit der Natur. Häufig werden Naturmeditationen gemacht, um neue Lösungen für persönliche Probleme zu finden oder auch einfach um sich bewusst zu werden, wo man gerade steht und was die nächsten Schritte und Ziele auf dem Lebensweg sein könnten.

Einen einfachen, sehr praktikablen Zugang zur Natur-Meditation bietet die folgende Übung:

„Was fällt mir heute ins Auge“
Eine Wahrnehmungsübung:

Vorbereitung: Eine Natur-Meditation kann im Prinzip überall stattfinden, denn überall finden wir Lebendiges, ob in den Pflasterritzen einer Großstadt oder am Feldweg auf dem Lande. Kleiden Sie sich möglichst so, dass Sie längere Zeit draußen sein mögen und sich vielleicht auch ins Gras setzen können. Nehmen Sie ein Notizbuch mit festem Einband mit, so dass Sie sich unterwegs etwas aufschreiben oder zeichnen können. Sorgen Sie mit Verpflegung dafür, dass Sie auch länger draußen bleiben können als Sie vielleicht geplant haben oder es sonst Ihre Art ist. So sind Sie frei, Ihren spontan auftretenden Impulsen zu folgen und das ist hilfreich, wenn Sie etwas Neues entdecken wollen.

Einstimmung: Eine gute, einfache Möglichkeit, sich einzustimmen auf eine Natur-Meditation ist ein Spaziergang. Laufen Sie alleine an einem Ort, wo Sie möglichst wenig gestört werden, solange bis der Atem und der Gang einen harmonischen Rhythmus erreicht haben, so dass „es“ läuft wie von selbst. Bis dahin haben sich in der Regel auch die meisten Alltagsgedanken verflogen und wir werden automatisch aufmerksamer für das Außen, für unsere Umgebung.
Während Sie weiterlaufen, schauen Sie sich um. Was sehen Sie? Was erfreut Sie? Was missfällt Ihnen? Was fällt Ihnen ins Auge? (Das ist übrigens eine interessante Formulierung unsere Umgangssprache! Sie zeigt, dass nicht nur wir etwas im Außen erblicken, sondern offensichtlich etwas von außen mit uns in Interaktion tritt!) Was „springt sie an“?
Wenden Sie sich dann spontan dieser Sache intensiver zu, die Ihnen ins Auge gefallen ist. Vielleicht ein einzeln stehender Baum, eine umgestürzte Baumwurzel, ein Steinhaufen, eine kleine blühende Pflanze, ein besonders geformter Ast, eine Knospe, ein interessantes Blatt …?
Gehen Sie darauf zu, betrachten Sie es näher. Und registrieren Sie aufmerksam alle Ihre Beobachtungen und Gedanken, die Ihnen dazu einfallen. Was genau zieht Sie an? Die Gestalt des ganzen Baumes? Oder die Farbe? Oder die Form der Rinde? Und beschreiben Sie das: Was ist es, wie ist es, was löst es in Ihnen aus?
Notieren Sie die Gedanken möglichst rasch in Ihr Notizbuch (je mehr Zeit vergeht, umso eher vergessen wir wieder oder verfälschen unsere spontanen Einfälle durch Überlegungen), versuchen Sie alle Ihre Eindrücke in Worten oder auch in Bildern zu beschreiben. Wenn Ihnen das schwer fällt, nutzen Sie Vergleiche, bilden Sie Sätze wie etwa: „Das sieht aus wie …“ oder „Das erinnert mich an …“.
Versuchen Sie bewusst wahr zu nehmen, welche Eindrücke Ihnen wohl tun und welche Ihnen eher Unbehagen bereiten. Beschreiben Sie zunächst Ihre spontanen Eindrücke. Danach können Sie einzelnen Wahrnehmungen noch einmal tiefer auf den Grund gehen. Sie selbst entscheiden, ob Sie sich länger mit dem beschäftigen, was Ihren Augen eine Augenweide ist oder dem nachforschen und nachspüren, was Sie seltsam, befremdlich oder gar störend finden – Warum eigentlich?
Was genau gefällt Ihnen daran (nicht), was mögen Sie (nicht). Versuchen Sie, dabei immer gut „im Fluss“ zu sein. Bewerten Sie Ihre Gedanken nicht. Nehmen Sie sie wahr. Schreiben Sie sie einfach auf. Ihr Notizbuch ist anonym und nur für Sie gedacht.

zuther apfelbaum

Für diese Übung verwenden wir also hauptsächlich den Seh-Sinn. Sie können das ausgewählte Naturelement aber natürlich auch beschnuppern, ertasten, hören und – wenn Sie wissen, dass es nicht giftig ist – schmecken.
Wie wirkt das auf Sie? Regt Sie das zu weiteren interessanten Gedanken an?
Gibt Ihnen das weitere interessante Informationen?
Sie werden staunen, was man in der Natur alles wahrnehmen und beobachten kann, wenn man sich mal ein wenig Zeit dafür nimmt und sich darauf konzentriert. Alle Fähigkeiten und Eigenschaften dieses Naturobjekts sind Ausdrucksmöglichkeiten der Natur!
Vielleicht werden Sie auch ganz spontan schon bemerkt haben, dass das Beobachtete und Beschriebene Ihnen irgendwie auch etwas über Sie selbst und Ihre momentane Situation sagt.

zuther aepfelWenn Sie möchten, können Sie das noch mehr erkunden:
Schauen Sie sich Ihre Notizen mit ein wenig (Zeit-)Abstand noch einmal an. Was haben Sie beschrieben? Findet das Entsprechungen in Ihrem Leben? Spielen Sie noch einmal mit Ihren Gedanken und möglichen Übertragungen. Hat das Parallelen zu einer Situation über die Sie bewusst nachgedacht haben oder vielleicht zu einem Thema, das gerade ansteht? Haben Sie vielleicht interessante völlig neue Gedanken dazu formuliert? Haben Sie etwas verblüffendes Neues dazu gelernt?
Sie können diese Natur-Meditation so wie ich sie hier beschrieben habe, ohne Fragestellung angehen. Dann hilft sie uns, zu erkennen, was gerade wichtig ist für uns. Sie können auch vor Beginn eine spezielle Frage für sich formulieren oder sich auf ein bestimmtes Thema konzentrieren, um so gezielter Anregungen für mögliche Antworten zu erhalten.

Als ich beim Kinderwagen-Schieben über die Feldwege am Rande unseres Dorfes über diesen Artikel sinnierte und mich fragte, was ich als Beispiel hier anführen könnte, fiel mein Blick spontan auf die Knospe eines Apfelbaumes am Wegesrand. Und ich dachte: Na, dann guck ich da mal genauer hin und bin gespannt, was sich daraus ergibt. Hier mein Bericht:

Meditation über eine Knospe:
Der Kurztrieb mit der kleinen hellgrünen Spitze sieht sehr zielgerichtet aus, wie ein spitzer Pfeil. Bei weiterer Entfaltung entsteht dann ein unordentlich scheinendes Knäuel aus kleinsten Blättchen, zusammengefaltet, hellgrün-gelblich-bräunlich, fast unansehnlich.
Trotzdem spüre ich, sehe ich die Frische und die Kraft, die bald weiter nach vorne preschen wird und sich im Raum entfalten wird, ihren Raum einnehmen wird, um Licht einzusammeln, sich mit dem Außen zu verbinden, um daraus noch mehr Kraft zu entwickeln für Blüten und Früchte, um Nahrung für die Bienen zu sein, Nahrung für Mensch und Tier, einfach zu leben im Austausch, in Schönheit, und einfach so, weil der Apfelbaum halt hier ist.
zuther apfelblueteUm sich dann wieder irgendwann zurückzuziehen und zu ruhen. Und nächstes Jahr wird wieder das gleiche passieren, doch wird vielleicht ein anderer Mensch vorbei kommen, der an ihm das lebendige Sein studiert, dem er von seiner schönen Ausstrahlung etwas schenken kann, der sie genießt und sich in ihr badet.“
Ich denke auch an die Zeit der Apfelblüte und in mir entsteht ein Gefühl der Freude, mein Herz ist angenehm aufgeregt.
Nach dieser ersten Phase der Beobachtung und Beschreibung habe ich gedacht: Interessant, dass ich mir gerade heute eine Knospe ausgesucht habe! Was für ein schönes Bild für meine neuen Projekte, dafür wie sie sich entwickeln können und der Freude dienen können! Und es ist der Apfelbaum, den ich mir ausgesucht habe, dessen Blüten und Früchte ich so liebe!
Auf dem Rückweg nach Hause betrachte ich die Knospen anderer Bäume und Sträucher. Die dicken glänzend-braun-rötlichen Knospen der Rosskastanie oder die kleinen hellgrünen frechen puscheligen ersten Blatttriebe des Weißdorns – sie hätten mir etwas anderes erzählt, was mir vielleicht nicht so vertraut ist, hätten mir dafür aber andere, interessante, neue Aspekte aufzeigen können. Wenn ich Zeit finde, komme ich morgen wieder!
Diese spontane kurze Natur-Meditation hat mir in diesem Fall also keine überraschend neue Erkenntnis gebracht, aber ein schönes Bild vermittelt, das mich in einer Phase neuer Entwicklungen begleiten kann. Zum Thema Knospen fiel mir dann noch ein weiteres interessantes Beispiel aus einem meiner Seminare ein:

Nach einer Wahrnehmungsübung im Garten erzählte eine Teilnehmerin sehr ausführlich von ihrer detaillierten Betrachtung einer verwelkten Mohnblüte.
Sie hatte vor kurzem ihre leitende Funktion in einer sozialen Einrichtung aufgegeben, um in den Ruhestand zu gehen. Zu ihrem Erstaunen teilte ich ihr dann mit, dass der Türkenmohn noch gar nicht verblüht war, sondern dass sie eine pralle Knospe beobachtet hatte, die demnächst erst noch aufgehen würde …

Eine Natur-Meditation ist eine Meditation der Achtsamkeit im Austausch mit der Natur. So geht es hier weniger darum, einen Zustand der Leere zu erreichen, sondern vielmehr darum, die Fülle des Lebens zu verstehen. Es geht weniger darum, die Gedanken zu beruhigen, sondern vielmehr darum, sie anzuregen, sie mit frischem Futter zu versorgen, sie auszuwechseln, zu erneuern, neue Sichtweisen zu entwickeln, den Horizont zu erweitern.
Natur-Meditationen schulen unsere Wahrnehmung für unsere eigene Befindlichkeit. Und durch das Gegenüber – die Pflanze, den Stein, die Landschaft … bleiben wir nicht in dem Gefühl selbst stecken, sondern finden interessante Anregungen für wichtige Erkenntnisse und Problemlösungen. Eine Natur-Meditation zeigt uns immer etwas über uns selbst – denn wir haben ausgewählt aus vielen, vielen Möglichkeiten, was wir zum Fokus unserer Meditation gemacht haben und wir beobachten unsere Gedanken, die sich daraus ergeben.
Eine Natur-Meditation zeigt uns aber auch, was Leben ist, was Leben ausmacht, wie Leben funktioniert. Die Natur zeigt uns immer interessante Möglichkeiten auf, wie Leben (auch) sein kann … und schenkt uns dadurch Ideen, wie wir unsere eigene Situation mal anders betrachten oder auch verändern können.

Regelmäßige Natur-Meditationen bringen uns auch in Kontakt mit der uns umgebenden Natur. Wer sich auf diese Art und Weise öfters mit bestimmten Pflanzen beschäftigt oder immer wieder die gleichen Orte aufsucht, fängt an, eine Beziehung dazu aufzubauen.
So können wir beispielsweise lernen, die Qualität bestimmter Orte besser wahr zu nehmen und auch sie zu verändern. Man kann sich so Kraftplätze suchen oder sie gar im Austausch mit der Natur gemeinsam gestalten. Vielleicht werden Sie mit der Zeit feststellen, dass Ihre Beob(Achtung)en eine Form der Aufmerksamkeit sind, die auch im Außen etwas bewirken …

Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei!

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Svenja Zuther
ist Diplom-Biologin, Heilpraktikerin, Autorin und Fachreferentin für ganzheitliche Pflanzenheilkunde. In Bohndorf bei Lüneburg betreibt sie die Naturheilpraxis und Seminarorganisation KUDRA NaturBewusstSein mit den Themenschwerpunkten: „Heilen mit Pflanzen – von Arznei bis Zauberei“, Achtsamkeitstraining und Wahrnehmungsschulung in der Natur, Pflanzen-Coaching, Schamanismus und spirituelle Naturerfahrung.
www.kudra.netpost@kudra.net • Tel.: 05807-989680
Fotos: Svenja Zuther