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Wandlung aus der Tiefe

Familienstellen für den an Krebs erkrankten Menschen
Von Irmgard Eckermann

portrait eckermann
Die Ursache der Erkrankung „Krebs“ ist ein multifaktorielles Geschehen. Unterschiedliche Auslöser begünstigen ein unkontrolliertes Zellwachstum wie etwa Genanlagen- und -defekte, toxische Umwelteinflüsse, falsche Ernährung, Dauerstress, physische oder psychische Traumata.
Neben der klassischen Schulmedizin gibt es naturheilkundliche und andere alternative Behandlungsmöglichkeiten.
Die Auseinandersetzung mit der Erkrankung, der eingeschlagene Weg Richtung Heilung, sind stets sehr persönlich und individuell.

In diesem Artikel möchte ich über die Möglichkeit und gesammelte Erfahrungen beim „Familienstellen für den an Krebs erkrankten Menschen“ berichten.
Familienstellen ist eine psychotherapeutische Methode aus dem Bereich der systemischen Therapie und durch unterschiedliche Bewegungen beeinflusst: u.a. Virginia Satir – Familienrekonstruktionen, Husserl – Phänomenologie, Buddhismus – Leere Mitte. In Deutschland hat Bert Hellinger das Familienstellen publik gemacht und umfangreich dokumentiert.
Die Methode entwickelt sich beständig weiter und findet Anwendung etwa im therapeutischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Bereich. Auch Forschung und Wissenschaft sind auf das Phänomen „Familienstellen“ aufmerksam geworden.
Der Moment der Diagnose „Krebs“ wird häufig als Schock erlebt. Das Leben scheint sich plötzlich auf den „Kopf zu stellen“.

Vielfältige Fragen drängen nach einer schnellen Antwort:
• Warum gerade jetzt?
• Warum ich?
• Was hab ich falsch gemacht?
• Was kann ich tun?
• Werde ich die Krankheit überleben?

Der innere Druck wächst: „Ich muss schnelle Entscheidungen treffen, um den „richtigen“ Behandlungsweg zu finden.“

Als Betroffene (Krebsdiagnose 2009) hat mir eine Familienaufstellung, neben anderen Behandlungsmethoden, in der Bewältigung der Erkrankung und auf meinem Genesungsweg sehr geholfen. Fragen, für die ich persönlich keine Antwort finden konnte, wurden beantwortet. Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins konnten sich lösen. Durch meine Aufstellung hatte ich die Möglichkeit, aktiv zur Klärung und Verbesserung meiner eigenen Situation, aber auch an meinem Heilungsprozess mitzuwirken.

Die Anliegen
Menschen mit Krebserkrankungen kommen zu ganz unterschiedlichen Zeiten zur Aufstellung – vor, während oder nach der Behandlung. Die Anliegen sind unterschiedlichster Natur. Sie möchten „ihren Krebs“, ihre Erkrankung verstehen, sich davon befreien, gesund werden. Manchmal zeigt sich auch die versteckte Sehnsucht, gehen zu dürfen.
Die Menschen suchen nach Antworten auf vielfältige Fragen, nach Bewältigungsmöglichkeiten, der mit der Erkrankung einhergehenden körperlichen und seelischen Schwierigkeiten. Die Verunsicherung ist tief, sowohl durch die Diagnose, die Therapie, aber auch durch mögliche persönliche und berufliche Konsequenzen.

Was nimmt Einfluss auf unser Leben?
Als Familientherapeutin ist mir die Frage nach bewussten und unbewussten Einflüssen aus dem Familiensystem sehr vertraut. Es scheint so, als seien wir Menschen neben unserem Alltagsbewusstsein in größere, kollektive Bewusstseins- bzw. Wissensfelder eingebunden, wie dem eigenen Familienfeld, der eigenen Kultur. In einer Aufstellung kommen wir mit diesen Feldern bzw. Informationen über Ereignisse und Personen in Berührung. Es zeigen sich in der Tiefe wirkende Bindungskräfte, die im Familiensystem über Generationen wirken.
Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass auch traumatische Gefühle, beispielsweise aus der Kriegsgeneration, vererbt werden können. Nehmen diese Kräfte unbewusst Einfluss auf unser Leben, so sind wir „verstrickt“ etwa mit Schicksalslasten, Traumata, fremden Gefühlen, Verstorbenen, ausgegrenzten Personen aus dem Familiensystem. Mögliche Folgen für das eigene Leben sind vielfältig, bis hin zu Erkrankungen.

„Eine Wandlung aus der Tiefe“.
In einer Aufstellung werden diese Kräfte emotional spürbar, erlebbar und sichtbar. Sie drängen ans Licht, möchten gewürdigt und anerkannt werden. Heilsame Lösungsschritte, neue Handlungsmuster zeigen sich. Heilung ist hier ein sich Anvertrauen an eine größere Kraft.

Was liegt hinter der Diagnose „Krebs“?
Als Aufstellungsleiter oder als Stellvertreter ist meine innere Haltung eine phänomenologische, das heißt: Ich öffne mich absichtslos für den gegenwärtigen Moment, schaue in Achtung auf das Schicksal der Betroffenen und ihre Angehörigen. Aufstellungsarbeit ist Achtsamkeit im Augenblick, ist Spüren, was ist und Geschehen lassen. Richten wir unseren Geist absichtslos aus, lassen eigene Bilder und Vorstellungen los, dann entsteht ein Resonanzfeld und Informationen teilen sich mit. So kann eine Atmosphäre von Offenheit und Vertrauen entstehen, damit sich in der Aufstellung das zeigen kann, was ans Licht kommen möchte.

Meine eigenen Erfahrungen in der Stellvertretung als „Krebs“ waren die, dass es sich jedes Mal völlig anders anfühlte. Der „Krebs“ scheint auf etwas aufmerksam machen zu wollen, wie auf ein vergangenes Schicksal oder Ereignis, eine tiefe Bindung oder Loyalität zu einer verstorbenen oder lebenden Person. Die Kräfte, die spürbar wurden, waren ebenfalls nie gleich. Die Gefühle reichten von tiefer Liebe, Hingabe, Angst, Traurigkeit, Kraftlosigkeit, Schmerz bis hin zu Wut und Hass.

Harald Homberger, ein erfahrener Familientherapeut mit jahrzehntelanger Aufstellungserfahrung unter anderem mit Krebsbetroffenen, fasst seine Erfahrungen wie folgt zusammen:
„ … dass kein Erleben in der Stellvertretung als Krebs gleich war und ist. Es ist immer eine einzigartige, nicht vergleichbare Erfahrung als Vertretung des Krebses, immer ein individuelles, niemals gleiches Erleben in der Vertretung des Familienmitgliedes oder Ereignisses, was sich zeigt … Die Erfahrung in der Vertretung als Krebs wird in der Summe der Wirkungen als Schwächung sowohl des Körpers als auch der Emotion und der Lebenskraft empfunden. Vergangenes, bewusst oder unbewusst Erlebtes, ist im Klienten noch lebendig.“ 1

Hinter der Erkrankung „Krebs“ scheinen sich also eigene, aber auch übernommene Lebenserfahrungen, Beziehungsabbrüche, Kränkungen, Trennungen etc. ausdrücken zu wollen, die möglicherweise zu schwer waren, als dass sie verarbeitet und integriert werden konnten. Manche Dynamiken sind dann so stark, dass sie zu Krankheit, Sucht oder Tod führen.

„Kann die Aufstellungsarbeit eine Krankheit, wie etwa den Krebs heilen“?
Es wäre fatal, einem Menschen, der an Krebs erkrankt ist und nach Hilfe sucht, ein Heilsversprechen durch eine Aufstellung zu geben.
Eine für mich wesentliche Frage in der Auseinandersetzung mit Heilung ist: „Wie und auf welcher Ebene kann ich Heilung für mich finden?“
Das persönliche Heilungserleben ist so vielschichtig, so individuell wie die Menschen selbst. Es geht hierbei nicht nur um die rein physische Heilung vom Krebs.
Heilungserfahrungen drücken sich sehr vielfältig aus, wie etwa im Annehmen dessen, was ist, im Wiedererlangen des inneren Friedens, in der Klärung des Geistes, im Loslassen belastender Schuld- oder Schamgefühle, in der Aussöhnung mit dem Leben, in einem Ja zum Leben, aber auch zum Tod.

In „Familienaufstellung – Hilfe für Menschen, die an Krebs erkrankt sind“2 – findet der Leser Erfahrungsberichte von Betroffenen nach einer Aufstellung.

  • „Ich habe das Gefühl, die Aufstellung hat für mich einen Knoten gelöst und damit geht es mir jetzt gut.
    Sie hat mir verdeutlicht, dass ich nicht für das Leben und das Unglück meiner Mutter verantwortlich bin …“
  • „Ich hatte eine tiefe Ruhe und Gewissheit in mir, dass ich nun keine Angst mehr haben muss …“
  • „Ich weiß nicht, was genau geschehen ist nach der Aufstellung.
    Es war wohl so, dass sich in der Zeit nach meiner Aufstellung meine Seele dazu entschieden hat, sich dem Leben zuzuwenden. Danach hat dann der Genesungsprozess begonnen.“
  • „Erst dann, als ich meinen Brustkrebs aufgestellt habe, habe ich verstanden, dass ich gar nichts falsch gemacht habe in meinem bisherigen Leben.
    Es gab offenbar einen ganz anderen Grund für meine Erkrankung: die Verstrickung mit meiner verstorbenen Schwester Petra, die ich leider nie kennengelernt habe, die vor meiner Geburt als Achtjährige an Leukämie verstarb.“

Die Bewegung der Seele folgt ihren eigenen Gesetzen und Wegen. Neben der Schulmedizin bietet eine Aufstellung die Möglichkeit, aus einer anderen Perspektive auf Erkrankung und Heilungsweg zu schauen. Aufstellungsarbeit ist Versöhnungsarbeit mit vergangenen Verletzungen, vergangenem, ungelöstem Leid.

Es ist Erkennen, Loslassen, Zurückziehen, Lösen von Verstrickungen. Die Heilung, die dabei entstehen kann, vollzieht sich über eine größere Kraft. Das obliegt nicht unserem Denken und Handeln.
Was wir machen können ist, unseren Geist zu leeren und in Liebe und Achtung auf alles zu schauen, was sich zeigen möchte. So entsteht „Wandlung aus der Tiefe“.

1 Harald Homberger, Da-Seins-Berührungen / Phänomenologische-systemische Aufstellungen mit an Krebs erkrankten Menschen, in: Praxis der Systemaufstellung, 1/2016, S.
2 M. Siebert, P. Moncada, H. Homberger, Familienaufstellung – Hilfe für Menschen, die an Krebs erkrankt sind, 2013

Foto: Irmgard Eckermann

Dipl.-Psych. Irmgard Eckermann
Praxis für Psychotherapie (HPG) und systemische Familientherapie, Familienstellen, Traumatherapie mit Brainspotting nach D. Grand, TRE nach D. Berceli, Lehrerin für Qigong
Rugenbarg 10, 22549 Hamburg
Tel.: 040 - 866 255 68 / Mobil: 0162 - 13 222 95
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