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Gewahrsein, Liebe und Freude

Ein Interview mit Pyar
Geführt von Marlies Burghardt

portrait pyar
„Gewahrsein, Liebe und Freude haben keinen Anfang und kein Ende. Sie sind Qualitäten des Seins und unseres Wesens“, so die spirituelle Lehrerin Pyar. Sie weist damit auf die Dimension, die ewig ist, und in der alles Platz hat – auch die vergänglichen Phänomene wie Gedanken, Gefühle …

Pyar lehrt Methoden, mit deren Hilfe diese Ebene erfahrbar werden kann und sagt dazu: „Liebevolle Achtsamkeit ist eine der größten Kräfte in uns. Mit ihrer Hilfe entdecken wir, was in uns immer schon freudig und klar war.“
Und genau dahin möchte sie Menschen führen, um dann auch aus dieser Klarheit und Weite heraus zu schauen, was gerade da ist an Gedanken, Gefühlen und auf das, was bislang hinderte, glücklich zu sein. Denn nur durch die Betrachtung aus dieser höheren Dimension heraus ist es möglich, einen klaren ruhigen Blick zu bewahren und sich nicht im Durcheinander so mancher Gedanken und Gefühle zu verwickeln.
Pyar ist es ein tiefes Anliegen, zu vermitteln, dass die ewige göttliche Dimension und die Welt der vergänglichen Phänomene zusammen gehören, und sie zitiert dazu gern aus Buddhas Herz-Sutra „Form ist Leerheit und Leerheit ist Form“ …
In ihren Veranstaltungen stellt Pyar Erleuchtete und Texte aus unterschiedlichen Kulturkreisen vor. Dabei gelingt es ihr, komplexe geistige Themen anschaulich darzustellen und in ganz engem herzlichem Kontakt mit den Menschen zu sein. Weiterhin führt sie die Teilnehmer durch Atem-Achtsamkeits-Übungen und Meditation zu tiefen inneren Erfahrungen.
Pyar, Dr. Franziska Rauch, erwachte vor 18 Jahren, praktiziert als Ärztin, ist verheiratet, lebt mit ihrem Mann und Freunden in einer Wohngemeinschaft, gibt als spirituelle Lehrerin europaweit Satsangs und Retreats und schrieb sechs Bücher.
Sie ist selbst bestes Beispiel dafür, die verschiedenen Ebenen des Lebens zu verbinden und trotz aller Spiritualität „auf dem Boden“ zu bleiben und in Achtsamkeit, Dankbarkeit, Liebe und Freude zu leben.

Die Journalistin Marlies Burghardt führte mit Pyar das folgende Gespräch.

M. B.: Pyar, im Zusammenhang mit der ewigen göttlichen Dimension und der Dimension der vergänglichen Phänomene zitierst du häufig aus Buddhas Herzsutra „Form ist Leerheit, Leerheit ist Form“. Wie ist das zu verstehen?

Pyar:
Leerheit ist der weite Raum. Form ist alles was in ihm erscheint. Aber Form ist Leerheit geht darüber hinaus. Es gibt keine Form unabhängig von Raum, ja …
… aber es gibt auch keinen Raum unabhängig von Inhalt! Das ist so schön, so unergründlich tief. Es gibt keine Schöpfung ohne das Göttliche, aber auch kein Göttliches ohne Schöpfung. Und nicht nur das – Gott und Schöpfung durchdringen sich zutiefst und sind nicht zu trennen!

M. B.: Also vergleichbar dem, was auf etwas andere Art Thich Nhat Hanh sagt?

Pyar:
Ja, ich liebe diesen Satz von Thich Nhat Hanh: „Berührst du tief die historische Dimension, so findest du dich wieder in der letztendlichen Dimension. Berührst du die letztendliche Dimension, so hast du die historische Dimension nicht verlassen.“
Das ist der erste Satz des Herzsutra in seiner Ausdrucksweise und sehr praktisch und anwendbar im Leben. Dieser Ausspruch von Thich Nhat Hanh berührt mich immer wieder zutiefst und mein Eindruck ist, dass man in diese Wahrheit wieder und wieder eintauchen kann und muss und kein Ende des Sich Entfaltens dabei findet.

M. B.: Du betonst immer wieder die jedem Menschen innewohnende Gutheit, die ständig da ist. Kannst du das ein wenig erläutern?

Pyar:
Ja, sehr gerne: Jedes Wesen ist grundlegend gut. Diese Güte ist von Anfang an vorhanden und wird immer vorhanden sein. Nie kann die grundlegende Gutheit eines Menschen beschädigt oder verloren werden, und sie ist uns allen gleich!
Wir können sie also nicht verdienen, nicht erlangen, sondern sie ist uns zu Eigen von Anbeginn. Allerdings kann sie verdeckt oder verstellt sein und daran können wir etwas ändern.
Das ist dann so wie ein Fenster, das ja seiner Natur nach durchsichtig ist, trotzdem so schmutzig sein kann, dass man gar nicht mehr durchsieht. Die Natur des Fensters ist dann immer noch durchsichtig. Und es braucht unser Entfernen des Drecks, damit das, was immer war, wieder offenbar werden kann.

M. B.: Insgesamt rätst du dazu, nicht lange im Negativen zu verharren, sondern zunächst von dem auszugehen, was schon „gut“ ist.

Pyar:
Ja, das ist wie in der Medizin. Wenn man eine Wunde nähen muss, dann hält die Naht nur, wenn man sie im umgebenden gesunden Gewebe setzt. Auch in unserer Seele und in unserem Geist ist es ähnlich. Es ist gut, sich immer erst in die Gutheit zu begeben, an den sicheren Ort, in die Freude und dann von dem aus, was bereits heil ist, weitere Heilung zu bewirken.

pyar lotussitz

M. B.: Du sprichst von der absoluten und der relativen Wahrheit. Wie meinst du das genau?

Pyar:
Die absolute Wahrheit ist einfach im wahrsten Sinne. Sie betrifft die letztendliche Dimension. Auch die grundlegende Gutheit von der ich eben sprach. Absolute Wahrheit ist immer wahr. Hannah Arendt sagt an einer Stelle: „Wahrheit ist das, was der Mensch nicht ändern kann. Metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt.“ Die relative Wahrheit gehört zur historischen Dimension und unterliegt der Dualität. Wenn ich z. B. jetzt zum Fenster hinaussehe und sage: „Es ist bewölkt.“ Dann ist das wahr im Sinne der relativen Realität. Vor zwei Stunden jedoch schien die Sonne …

M. B.: Ein dir so wichtiges Thema ist die Atem-Achtsamkeit.

Pyar:
Ja. Durch den Atem stehen wir in ständigem Austausch mit unserer Umwelt, mit Allem. Der Atem ist immer da solange wir leben. Der Atem macht uns weit, öffnet uns. Wir sind in Verbindung mit der ewigen Dimension und gleichzeitig mit allen Phänomenen in und um uns. Eine Anweisung Buddhas lautet z. B.: „Einatmend empfinde ich Freude. Ausatmend empfinde ich Freude.“

M. B.: Und wenn da gerade keine Freude ist?

Pyar:
Falls das zunächst schwer fällt, kannst du dich fragen: Was ist jetzt – vielleicht trotz Chaos – etwas, wofür ich dankbar sein kann? Oh ja, könnte die Antwort lauten: Ich atme, ich lebe …
Wir können das bewusste Ein- und Ausatmen in der Atem-Meditation üben und schließlich auch in den Alltag einbeziehen. In meinen Satsangs und Retreats richten wir unsere Achtsamkeit deshalb zuerst nur auf den Atem und gehen dann weiter und schauen dabei gleichzeitig unsere Gefühle an, dann unseren Geist und die Geistinhalte. Im Alltag reicht es aber oft, sich immer zwischendurch ganz auf das Ein- und Ausatmen zu konzentrieren. Wir können damit eine Gewohnheit schaffen, die uns im Hier und Jetzt hält, in unserer Mitte und gleichzeitig mit allem verbindet. Die gute Nachricht aus der Hirnforschung: Wenn wir etwas für eine Zeit lang nur jeweils 30 Sekunden üben, dann beginnt der Prozess der Neuverschaltung von Synapsen im Gehirn. So schaffen wir neue gute Gewohnheiten.

M. B.: Pyar, vielen Dank für dieses Gespräch

Foto: Dr. Frankziska Rauch

Pyar – Dr. Franziska Rauch
wurde 1960 in Bayern geboren und erlebte eine christlich geprägte Kindheit. Ihre Eltern waren Naturwissenschaftler. Pyar studierte Medizin, promovierte und arbeitet als praktische Ärztin in eigener Praxis in München. Sie erwachte 1999, gibt seitdem Satsangs und Retreats und schreibt Bücher:
Reise ins Nichts – Geschichte eines Erwachens; Poesie der Stille – Tanz des Lebens; Bodhichitta – Das erwachte Herz – Das Sieben-Punkte-Geistestraining für Weisheit und Mitgefühl; Hütet das Feuer – Jesus als radikalen Weisheitslehrer entdecken; Satsang – die spirituelle Suche nach Wahrheit und Erkenntnis; WIR – Wege zur Verbundenheit
www.pyar.de